Brauchtumsexperte erklärt besondere Zählweisen im Advent

"Warten kann auch positiv sein"

Mithilfe von Adventskalendern werden die Tage bis zum Weihnachtsfest heruntergezählt. Aber woher kommen die Kalender und ähnliche Bräuche? Der Brauchtumsexperte Manfred Becker-Huberti blickt auf die Ursprünge und die Bedeutung.

Ein individuell gestalteter Adventskalender / © Ildiko Szanto (shutterstock)
Ein individuell gestalteter Adventskalender / © Ildiko Szanto ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Haben Sie an diesem 1. Dezember schon das erste Türchen geöffnet?

Manfred Becker-Huberti / © Harald Oppitz (KNA)
Manfred Becker-Huberti / © Harald Oppitz ( KNA )

Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti (Brauchtumsexperte): Ich habe schon ein Türchen geöffnet. Ich habe einen schönen Adventskalender, der für Blinde gemacht ist und dort gibt es heute ein kleines Schokoladen-Stückchen.

DOMRADIO.DE: Der Adventskalender für Blinde bedeutet aber nicht, dass Sie ihre Sehkraft verloren haben?

Becker-Huberti: Nein, das nicht. Ich hatte aber an diesem Kalender mitgearbeitet und auf diese Art und Weise bin ich in den Genuss gekommen.

DOMRADIO.DE: Welche Möglichkeiten gibt es denn darüber hinaus noch, die Zeit bis zum glänzenden Weihnachtsfest zu messen?

Becker-Huberti: Man muss sich zunächst mal daran erinnern, warum man so etwas wie einen Adventskalender braucht. Wenn Sie sich daran erinnern, wie das beispielsweise ist, mit den Kindern in den Urlaub zu fahren, dann kommt hinter der dritten Ecke oft die Frage, wann wir endlich da sind. Die Kinder haben ein Problem mit der Zeitmessung. Aber nicht nur die Kinder, viele Erwachsene haben das auch. Deshalb ist ein Instrumentarium ganz gut, das einem hilft, diese Zeit zu gliedern und zu überschauen, wie weit ich denn bin, wo ich stehe und wie ich weiter komme.

Der Anfang ist eine gemeinsame Sache für Adventskalender und Adventskranz. 1839 hat Pfarrer Wichern im Rauhen Haus in Hamburg einen Kranz mit 24 Kerzen aufgestellt. Die Erste wurde am 1. Dezember angezündet. Dieses Instrument hat sich auseinanderentwickelt. Auf der einen Seite zu einem Adventskranz nicht mehr mit 24 Kerzen, sondern mit vieren. Zudem hat es sich zu einem Adventskalender entwickelt, der dann ab 1908 in gedruckter Form erschien.

Adventskranz mit 24 Kerzen / © Johanna Siegel (shutterstock)
Adventskranz mit 24 Kerzen / © Johanna Siegel ( shutterstock )

Vorher hat man andere Methoden ausprobiert, also zum Beispiel Kerzen jeden Tag ein Stückchen abzubrennen oder Abreißkalender, wo man jeden Tag ein Stück abriss. Es gab auch Gläser, in die Wasser geschüttet wurde, das jeden Tag dann ein Stückchen höher stand, sodass man auf diese Art und Weise die Adventszeit abmessen konnte.

Es gab also irrsinnig viele Methoden. Zudem ist es spannend zu sehen, dass unsere Ahnen so etwas Ähnliches auch schon gemacht haben. Es gibt ein Bild aus dem 15. Jahrhundert, das einen Zweig zeigt, an dem Zettelchen hängen – für jeden Tag des Dezembers eines. Diese Zettelchen wurden im Laufe des Monats aus dem Zweig entfernt. Wenn sie alle weg waren, war Heiligabend. Die Methode ist also uralt.

DOMRADIO.DE: Allen Varianten gemeinsam ist, dass wir uns auf Weihnachten vorbereiten. Welche Symbolkraft hat es denn für Christinnen und Christen, sich zählenderweise auf Heiligabend vorzubereiten?

Becker-Huberti: Das Sinnvollste ist, zu begreifen, dass Warten nichts Passives ist. Wir verstehen Warten eigentlich immer als etwas Aufgedrücktes oder Aufgezwungenes, und das belästigt uns. Wir wollen alles immer sofort und hier haben.

Warten aber kann auch positiv sein, indem man es aktiv tut. Man nutzt die Zeit, um sich auf etwas vorzubereiten. Man nimmt sich Zeit, um Dinge mal wieder von Neuem zu sehen. Oder man kann versuchen, die Zeit zu nutzen, um auf bestimmte Art und Weise seine Sinne zu schärfen.

Das geht zum Beispiel, indem man Texte liest oder Musik hört, die in diese Zeit gehört oder indem man zum Beispiel auch mal schaut, was es denn sonst noch an Bräuchen gibt, die dazugehören, etwa auch zum Essen. Es gibt  bestimmte Dinge, Gebäcke zum Beispiel, die in dieser Zeit aufkommen und die in diese Zeit gehören.

Welche Rolle spielen sie, wo kommt das her? Dies zu verstehen, ist auch eine Möglichkeit, die uns der Advent bietet, indem er sagt: Nimm dir Zeit. Nicht du kommst bei Weihnachten an, sondern Weihnachten kommt bei dir an.

DOMRADIO.DE: In der katholischen Kirche ist die Adventszeit genau wie die Vorbereitungszeit auf das Osterfest eine Buß- und Fastenzeit gewesen und ist es im Grunde auch heute noch. Wie können wir uns gut auf das große Fest Jesu Geburt vorbereiten und einstimmen?

Becker-Huberti: Die Fastenzeit ist ja nicht verboten. Es ist nicht mehr vorgeschrieben, im Advent zu fasten, aber man kann diese Zeit durchaus nutzen, um auf das Wesentliche zurückzukommen. Genau das meint Fasten. Fasten heißt Wüste. Das Erlebnis der Wüste in unsere Gegenwart holen, das heißt, sich darauf ausrichten, das Wesentliche als Wesentliches zu erfahren und das Unwichtige beiseite zu lassen. Genau das ist eine Möglichkeit.

Ich gebe zu, dass es in der modernen Zeit schwierig ist, die die ganze Hektik in diesen Advent hineinbringt, den Kaufzwang und Ähnliches mehr. Dem kann man aber auch widerstehen. Man kann sich ausklinken und man muss dies nicht mittun. Es empfiehlt sich auch nicht, dies zu tun.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Advent

Advent ist für Christen die Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten. Die Adventszeit beginnt am vierten Sonntag vor dem Christfest. Das Wort kommt vom lateinischen "adventus" und bedeutet "Ankunft". Gemeint ist die Ankunft Jesu auf Erden.

In den Gottesdiensten an den Advents-Sonntagen werden häufig Texte aus dem Alten Testament verwendet, die die Ankunft des Erlösers prophezeien. Die vier Kerzen des zum jüngeren Brauchtum zählenden Adventskranzes symbolisieren das Kommen des "Lichts der Welt". Die Zweige immergrüner Tannen stehen für das ewige Leben.

Traditioneller Adventskranz / © Jozef Kubica (KNA)
Traditioneller Adventskranz / © Jozef Kubica ( KNA )
Quelle:
DR