Caritas fordert Refinanzierung für Adoptionsvermittlung

"Das ist existenzbedrohend geworden"

Anders als die Adoptionsdienste der Jugendämter bekommen freie Träger wie die Caritas wenig oder keine öffentlichen Mittel. Die Verantwortlichen schlagen Alarm, damit die freien Träger sich nicht aus dem Handlungsfeld zurückziehen.

Adoptionsdokumente werden unterzeichnet / © Pixel-Shot (shutterstock)
Adoptionsdokumente werden unterzeichnet / © Pixel-Shot ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Frauen, die ihr Kind nach der Geburt abgeben: In diesem Bereich sind auch die Kirchen mit den freien Trägern vertreten, auf katholischer Seite mit der Caritas, die Diakonie auf evangelischer Seite. Weshalb bestehen Sie darauf, dass es diese Vielfalt so sehr braucht?

Ursula Hennel (Fachbereichsleiterin des Pflegekinder- und Adoptionsdienstes vom SkFM Düsseldorf e.V. und Sprecherin der Diözesanen Arbeitsgemeinschaft für dieses Thema im Erzbistum Köln): Weil viele der abgebenden Frauen in einer absoluten Krise sind und sich dann zum Teil in dieser Situation auch eine Staatsferne wünschen. Eine Behörde ist für sie oft noch eine zusätzliche Hürde in der Auseinandersetzung mit ihrer Vorstellung, nicht selbst für das Kind sorgen zu können und für das Kind einen guten Lebensort zu finden. Deshalb braucht es unbedingt die Möglichkeit, dass Frauen sich auch an Adoptionsdienste wenden können, die etwa in konfessioneller Trägerschaft sind.

Adoptionsverfahren

In Deutschland ist das Adoptionsverfahren gesetzlich genau geregelt. Adoptionen dürfen nur die Adoptionsvermittlungsstellen der Jugendämter vermitteln sowie die zentralen Adoptionsstellen der Landesjugendämter und anerkannte Adoptionsvermittlungsstellen freier Träger. Erster Ansprechpartner ist das Jugendamt vor Ort.

Bundestag beschließt neues Adoptionsrecht / © TypoArt BS (shutterstock)
Bundestag beschließt neues Adoptionsrecht / © TypoArt BS ( shutterstock )

Die Konfessionen sind übrigens die einzigen, die die Adoptionsdienste neben den Kommunen vorhalten und diese Leistung bis heute komplett kostenfrei anbieten. Das ist auch schonmal ein Thema gewesen, das Adoptionsdienste ja auch in gewerblich freie Trägerschaft gegeben werden können. Das war mit der Auslands-Adoptionsvermittlung so, das machen wir nicht und darüber bin ich auch sehr froh. Denn dafür  Gebühren zu verlangen, das halte ich für nahezu unredlich.

DOMRADIO.DE: Seit 120 Jahren wird diese Beratung und Begleitung von einer Adoption als notwendig angesehen. Können Sie uns beschreiben, warum es schon immer so aufwendig war, ein Kind zu adoptieren?

Hennel: Also zunächst mal bereiten wir Menschen auf die Aufnahme eines Kindes vor und das ist schon alleine ziemlich aufwendig. Wir geben uns große Mühe, dass wir das sehr sorgfältig tun, denn das ist ja ein Lebensthema, das die Beteiligten ein Leben lang begleiten wird. Das alleine fordert von uns ein hohes Kontingent, das wir in die Arbeit einbringen. Die Begleitung der leiblichen Mütter oder leiblichen Eltern – die Väter kommen selten im Adoptionsgeschehen vor – ist auch eine sehr aufwendige, vor allem emotional aufwendige Tätigkeit. Und die dauert unterschiedlich lange. Da ist jeder Fall exklusiv zu betrachten. Manche Frauen werden jahrelang von uns begleitet, andere sind sehr schnell nach dem Adoptionsabschluss auch für uns nicht mehr erreichbar. Und dann sind die Kinder aber auch auf jeden Fall unsere Zielgruppe, die im Aufwachsen begleitet werden müssen mit diesem Lebensthema, das vor allem sie selber betreffen wird.

DOMRADIO.DE: Wie wirkt sich denn die gesetzliche Neuregelung auf Sie bei der Caritas und Ihre Arbeit aus?

Hennel: Das, was wir aus unserer christlichen Haltung heraus schon über Jahrzehnte anbieten, hat aus unserer Sicht im Gesetz einen Widerhall gefunden. Die gesetzlichen Anforderungen sind, dass alle Beteiligten einen unbegrenzt langen Beratungsanspruch gegen die Dienste haben. Das ist sicherlich neu, dass das anerkannt wird, auch vom Gesetzgeber. Das haben wir immer schon gemacht, aber das wird jetzt nochmal festgeschrieben.

Da die Dienste in der freien Wohlfahrtspflege bislang alles aus Eigenmitteln gestemmt haben, ist es jetzt zum Teil für manche Dienste so existenzbedrohend geworden, dass sie sagen: Das können wir nicht mehr, wenn wir gar keine Refinanzierung von staatlicher Seite bekommen. Das ist ein Stück weit auch der Widerspruch: Auf der einen Seite wird im Adoptions-Hilfe-Gesetz ausdrücklich davon gesprochen, dass es eine Trägervielfalt in diesem Arbeitsfeld braucht. Und auf der anderen Seite tun sich Stellen schwer, die Bedürftigkeit der Refinanzierung auch anzuerkennen.

Ursula Hennel, Fachbereichsleiterin des Pflegekinder- und Adoptionsdienstes vom SkFM Düsseldorf e.V.

"Das, was wir aus unserer christlichen Haltung heraus schon über Jahrzehnte anbieten, hat aus unserer Sicht im Gesetz einen Widerhall gefunden"

DOMRADIO.DE: Jetzt ist es Ihre Erfahrung, dass sich Frauen lange Zeit schwertun mit der Entscheidung zu einer Adoption und auch anschließend begleitet werden müssen. Wird die Schwangerschaftsberatung ausgebaut wie seit Jahren, muss gleichzeitig auch die Adoptionsvermittlung und Adoptionsbegleitung sichergestellt sein, sagen Sie. Was wünschen Sie sich konkret von der Politik?

Hennel: Ich wünsche mir, dass es möglich ist, dass in der Kooperation mit staatlichen Stellen anerkannt wird, dass es eine Refinanzierung braucht. Und in die Kirche hinein wünsche ich mir, dass auch dieses Arbeitsfeld nicht nur wirtschaftlich betrachtet wird, sondern der große Anspruch, Menschen in solchen Lebenskrisen an der Seite zu stehen nicht aufgegeben werden kann, nur weil die finanziellen Mittel fehlen.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Quelle:
DR