Warum die Seele wieder mehr Beachtung verdient

Das Geheimnis des Lebendigen bewahren

Die Seele – an Allerseelen kommt das Wort wieder kurz ins Bewusstsein. Handelt es sich um einen altmodischen Begriff, der in unserer Zeit ausgedient hat? Keineswegs, findet die Theologin und Buchautorin Johanna Haberer.

Autor/in:
Angelika Prauß
Die Seele zum Baumeln bringen (shutterstock)

Heute scheint das Wort "Seele" oft ausgedient zu haben – als antiquiert wirkender Begriff, für den die moderne Wissenschaft längst griffigere, präzisere Worte gefunden zu haben meint. Selbst in der Theologie sei das Sprechen über die Seele auf dem Rückzug, "wohl um an die empirischen Wissenschaften anschlussfähig zu bleiben", beobachtet die evangelische Theologin Johanna Haberer. Ein Grund für sie, in ihrem Buch "Die Seele. Versuch einer Rehabilitation" gegenzusteuern.

"Einzigartig wie der Fingerabdruck"

Haberer definiert die Seele als "unverwechselbaren Innenraum des Einzelnen", als "das unsichtbare Unbekannte, ohne das alles Lebendige nichts ist". Ihr hafte "etwas Unfassliches, Wandelbares, Luftiges und Flüchtiges an", zugleich sei sie bei jedem Menschen "einzigartig wie der Fingerabdruck". Die Seele sei jener Raum, "in dem sich eine Biografie als Individualität konstituiert, der rote Faden des Lebens, in dem die Erinnerung festgehalten wird und aus einem Menschenleben ein Unikat wird".

In der Theologie habe die Seele stets für die "Unverfügbarkeit des eigenen Lebens" gestanden und als "Art göttlicher Funke" gegolten. Mit Kants Erkenntniskritik sei der Begriff aber "in der akademisch-universitären Sprache zum Verstummen" gebracht worden. In der Welt der präzisen Logik und Kausalität sei die Vorstellung von der Seele "undeutlich, kontraproduktiv, anarchisch und subversiv", so ihr Eindruck.

Haberer bedauert den "Verlust des Seelenbegriffs", der auch ein Stück weit für die Unverfügbarkeit dessen steht, was Menschsein ausmacht. Damit gerate der Mensch zugleich zunehmend in die Fahrspur der Vereinnahmung durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Die moderne IT stehe für grenzenlose Kommunikation, Kontrolle und auch Manipulation. Damit verbunden sei das Bestreben, den menschlichen Nutzer "auszuweiden" und seine Befindlichkeit herauszufinden, um seine Gefühle, Handlungen und Entscheidungen zu kontrollieren.

Gedanken sprachlich eng mit Digitalem verbunden

Das aber führe zu einer Art "Seelenraub". Im "dataistischen Denkhorizont" habe das einzelne Menschenleben keinen eigenen Wert mehr. "Das Konzept der Seele, die dem Menschen Individualität und Würde verleiht, ist hier nicht vorgesehen."

Ein Indiz dafür, wie weit sich die Digitalisierung in den Alltag eingeschlichen habe, sei die Verwendung von Computersprache – Treffen würden "gecancelt" oder Informationen "abgespeichert". Gedanken würden nicht mehr dem Himmel, sondern der Cloud anvertraut, beobachtet Haberer. Eine Folge: Mit dem Begriff der Seele werde zugleich Gott abgeschafft, kritisiert sie. Und fragt: "Was geht verloren, wenn Gott und Seele abhanden kommen?"

Nicht nur der Theologin bereitet diese Vorstellung offensichtlich Sorge. Obwohl – oder gerade weil – der Seelenbegriff "zu unscharf, zu religiös, zu unauffindbar" sei, beobachtet Haberer "eine wachsende Wiederannäherung" unterschiedlicher Geisteswissenschaften an den Begriff. "So, als baue sich rund um diesen Begriff eine Art Revolte auf gegen das Verschlungenwerden durch die Digitalisierung."

Mehr als die Summe von Daten

Ein Grund für die sachte Rückbesinnung auf den Begriff liege vielleicht auch darin, weil er "das Geheimnis des Lebendigen vor der vollständigen Vermessung des Menschen in Daten zu retten verspricht". Auch ökologische Bewegungen, die der Natur einen spirituellen Wert beimessen, könnten sich inzwischen mit der Seelen-Vorstellung anfreunden, "als Begriff für das System der Lebendigkeit", das die gesamte Schöpfung durchziehe, und zugleich als "Kraft, die alle Lebewesen miteinander verbindet".

Haberers klares Plädoyer: diesen unverfügbaren, nicht beschreibbaren Rest, der das Geheimnis des Lebens ausmacht, wieder mehr zu achten. "Menschliche Geschöpfe, aber auch tierische und pflanzliche sind weit mehr als die Summe unserer Daten." Seele – dieses jahrtausendealte Wort, tauche überall dort auf, "wo Menschen nach dem Sinn ihres Lebens fragen und nach Gott".

Haberers Büchlein bietet einen lesenswerten Streifzug durch die jahrtausendelange Beschäftigung mit dem, was das Menschsein ausmacht. Die Seele stehe für nichts geringeres als die "Bereitschaft, groß vom Menschen zu denken und sein Geheimnis zu bewahren".


Quelle:
KNA