Kirchliche Entwicklungsexperten fordern eigenes Ministerium

"Entwicklungspolitik muss am Kabinettstisch sitzen"

Im Wahlkampf wird das Thema Entwicklungszusammenarbeit oft an den Rand gedrängt. Einige stellen gar infrage, ob es dafür weiter ein eigenes Ministerium braucht. Die Abschaffung wäre ein Riesenfehler, finden die Kirchen.

Symbolbild Entwicklungshilfe / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)

Die kirchlichen Entwicklungsorganisationen in Deutschland erwarten von der künftigen Bundesregierung, dass sie an einem eigenständigen Ministerium für Entwicklungszusammenarbeit festhält. "Entwicklungspolitik muss am Kabinettstisch sitzen, und zwar mit einer eigenständigen Perspektive", sagte Anne Gidion, Leiterin der Evangelischen Zentralstelle für Globale Entwicklung, am Montagabend in Bonn der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Anne Gidion / © K. Baumann (EKD Berlin)
Anne Gidion / © K. Baumann (EKD Berlin)

"Wir brauchen ein eigenständiges Ministerium, das sich mit internationalen Globalisierungsfragen beschäftigt", ergänzte Bernd Bornhorst vom Vorstand des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor beim Neujahrsempfang der kirchlichen Entwicklungsorganisationen: "Das darf nicht unter die Räder von Wirtschaftsinteressen oder Finanzinteressen kommen. Wir brauchen mehr internationale Zusammenarbeit und nicht 'America First' oder 'Deutschland zuerst'."

Sorge vor immer mehr Egoisten

Er sei auch zuversichtlich, dass dies gelinge, ergänzte Karl Jüsten, der Leiter der Katholischen Zentralstelle für Globale Entwicklung. Zumal es ja weiterhin die Verpflichtung gebe, die nachhaltigen Entwicklungsziele zu erreichen. Von der neuen Regierung erwarte er daher, dass sie dies weiter konsequent verfolge, allen voran den Kampf gegen Hunger, Klimaerwärmung und Ungerechtigkeit. International allerdings bereite ihm Sorgen, so Jüsten weiter, "dass immer mehr Menschen ans Ruder kommen, die nur an sich selbst denken".

Karl Jüsten / © Jannis Chavakis (KNA)

Entwicklungszusammenarbeit müsse auch in der kommenden Regierung eine wichtige Rolle spielen, forderte ebenfalls Dagmar Pruin, die Präsidentin von Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe: "Es wäre falsch und kurzsichtig, zu sagen, wir machen erst einmal Sicherheitspolitik, Verteidigungspolitik, Außenpolitik - und dann irgendwie noch so ein bisschen Entwicklungspolitik und ordnen dieses eine Ziel den anderen unter."

Auch im eigenen Interesse

Jörg Faust, der Direktor des Deutschen Evaluierungsinstituts der Entwicklungszusammenarbeit, verwies außerdem darauf, dass eine gute Entwicklungszusammenarbeit längst nicht nur aus Solidarität und Nächstenliebe erfolge. Sie sei auch im Eigeninteresse der sogenannten Geberländer, weil sie deren Ziele ebenfalls voranbringe.

Bericht über Hilfsprojekte / © IB (DR)
Bericht über Hilfsprojekte / © IB ( DR )

Studien zeigten immer wieder positive Einflüsse - etwa auf Bildung, Demokratie, Frieden und Klimaschutz weltweit. Aber auch außenwirtschaftliche Erfolge und höhere Exporterlöse seien in aller Regel unmittelbare Folgen einer guten Entwicklungszusammenarbeit. Dazu gehöre allerdings auch, dass diese immer weiter reformiert und noch effizienter werden müsse.

Bischöfliches Hilfswerk Misereor

Misereor ist das weltweit größte kirchliche Entwicklungshilfswerk. Es wurde 1958 von den katholischen Bischöfen in Deutschland auf Vorschlag des damaligen Kölner Kardinals Josef Frings als Aktion gegen Hunger und Krankheit in der Welt gegründet.

Der Name bezieht sich auf das im Markus-Evangelium überlieferte Jesuswort "Misereor super turbam" (Ich erbarme mich des Volkes). Sitz des Hilfswerks ist Aachen.

Logo des Bischöflichen Hilfswerks Misereor in einem Schaufenster / © Julia Steinbrecht (KNA)
Logo des Bischöflichen Hilfswerks Misereor in einem Schaufenster / © Julia Steinbrecht ( (Link ist extern)KNA )