DOMRADIO.DE: Was steht in der Hauptstadt in dieser Woche an?
Karin Wollschläger (Leiterin Hauptstadtbüro der Katholischen Nachrichten-Agentur Berlin): Berlin blickt am Montag natürlich auch nach Washington zur Amtseinführung von Donald Trump. Das wird man hier sehr genau beobachten, welche Botschaften und Zeichen der neue US-Präsident - und gerade dieser - an seinem ersten Tag im Amt setzt.
Ansonsten stehen alle Zeichen auf Bundestagswahlkampf. Die Wahlprogramme der Parteien liegen auf dem Tisch und auf die wird auch aus christlicher Perspektive geschaut. Montagmittag etwa stellt das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das ZdK, seine Erwartungen an die Bundestagswahl vor, aber auch an die Zeit danach.
Da wird es sicher um Dinge gehen wie soziale Gerechtigkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Menschenwürde und ich vermute auch eine ganz klare Positionierung gegen Populismus und für Demokratie.
DOMRADIO.DE: Es gibt diesen Wahl-O-maten mit Hilfen, welche Partei deckt sich in ihren Wahlprogrammen am ehesten mit den persönlichen Wertvorstellungen. Bieten kirchliche Verbände Ähnliches an zur Bundestagswahl?
Wollschläger: Das hat eine gute Tradition. Nicht nur die Wohlfahrtsverbände wie Caritas und Diakonie machen Wahlchecks zu ihren Kernthemen, auch Verbände wie der Familienbund der Katholiken oder die kfd, die auf Gleichstellung von Frauen schaut. Das kirchliche Hilfswerk Misereor etwa hat eine Social-Media-Kampagne zur Bundestagswahl gestartet. Die gucken sich an, ob die Parteien globale Gerechtigkeit auch auf dem Schirm haben.
Aber man merkt auch, dass es durch das vorzeitige Aus der Ampel-Koalition ein sehr kurzer Wahlkampf ist. Es fehlt den kirchlichen Verbänden der nötige Vorlauf. Der Sozial-o-mat, den die Diakonie bisher zu Wahlen veröffentlicht hat und der so ähnlich wie der Wahl-O-Mat funktioniert, kann es zu dieser Bundestagswahl nicht geben, weil der zeitliche Vorlauf zu kurz ist.
DOMRADIO.DE: Nicht unerheblich sind diese Herausforderungen in Sachen Wahlvorbereitung. Dann gibt es auch das Thema Migration. Ist das was, was auch Sie in Berlin jetzt viel beschäftigt?
Wollschläger: Ja, das ist auf jeden Fall in diesem Wahlkampf eines der Megathemen neben Sicherheit und Wirtschaft. Da haben wir diese Woche zwei spannende Pressekonferenzen zu. Am Donnerstag geht es um eine Studie zu Erfahrung mit Antidiskriminierungsberatung, gerade bei Flüchtlingen.
Am Freitag gibt es ein Pressegespräch, wie Menschen mit Einwanderungsgeschichte wählen. Mehr als 7 Millionen in Deutschland Wahlberechtigte haben eine Einwanderungshintergrund. Da sind wir sehr gespannt auf die Ergebnisse.
Beim Thema Migration lässt sich schon beobachten, dass der überwiegende Teil der Parteien einen deutlich verschärften Kurs will, eine eher restriktive Asylpolitik. Das gilt nicht nur für die AfD, sondern auch eindeutig für die Union, die FDP und das BSW.
DOMRADIO.DE: Wie gucken die Kirchen und kirchlichen Verbände auf diese verschärften Migrationspolitik?
Wollschläger: Die sehen das sehr kritisch und mit Sorge: Nicht nur mit Blick auf die AfD, sondern gerade auch bei CDU und CSU. Zumal es sehr wahrscheinlich ist, dass die Union Teil der nächsten Bundesregierung sein wird und wahrscheinlich den Kanzler stellen wird.
Umstritten ist die Forderung der Union Asylverfahren künftig in sicheren Drittstaaten durchzuführen. Außerdem wil die Union den Familiennachzug im Falle von subsidiär Schutzberechtigten aussetzen. An den deutschen Grenzen sollen all diejenigen direkt zurückgewiesen werden, die aus einem anderen EU-Staat einreisen wollen, um einen Asylantrag zu stellen.
Das Interview führte Uta Vorbrodt.