Sonderermittler legen Ergebnisse im Fall Dillinger vor

19 Personen sexuell missbraucht

Der Missbrauchskomplex um den Priester Edmund Dillinger aus dem Bistum Trier hat ein größeres Ausmaß als bislang bekannt. Nach Erkenntnissen von Sonderermittlern hat Dillinger mindestens 19 Personen sexuell missbraucht.

Autor/in:
Norbert Demuth
Akten in einem Archiv / © Julia Steinbrecht (KNA)
Akten in einem Archiv / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Die Missbrauchstaten in "verschiedenen Schweregraden" habe er in der Zeit von 1961 bis 2018 begangen, heißt es in dem am Dienstag in Trier vorgestellten vorläufigen Abschlussbericht des ehemaligen Koblenzer Generalstaatsanwalts Jürgen Brauer und des früheren stellvertretenden Leiters der Staatsanwaltschaft Trier, Ingo Hromada. Elf Opfer seien namentlich bekannt.

Wohnhaus des verstorbenen Priesters Edmund Dillinger / © Oliver Dietze (dpa)
Wohnhaus des verstorbenen Priesters Edmund Dillinger / © Oliver Dietze ( dpa )

Zudem seien "sehr viele Personen", deren Zahl nicht annähernd zu beziffern sei, Opfer von sexuell motiviertem Verhalten Dillingers (1935-2022) geworden, "indem sie in sexualisierten Posen fotografiert wurden, Berührungen in allen Körperregionen ausgesetzt waren oder Annäherungsversuche abwehren mussten". Die 96-seitige Studie kommt zu dem Schluss, "dass Dillinger über Jahrzehnte das Gegenteil dessen vorlebte", was er predigte.

Unangemessene Reaktionen auf Missbrauchsfälle

"Die Verantwortlichen im Bistum Trier" hätten insbesondere 1964 und 1970 unangemessen auf bekanntgewordene Missbrauchsfälle reagiert und "diese vertuscht", heißt es in dem Bericht weiter. Bischöfe im Bistum Trier seit den 1960er Jahren waren Matthias Wehr (1951-1966), Bernhard Stein (1967-1980), Hermann Josef Spital (1981-2001), Reinhard Marx (2002-2008) und Stephan Ackermannn (seit 2009).

In den Pfarreien, in denen Dillinger als Seelsorger tätig war oder wohnte, sowie in Vereinen, Verbänden und Verbindungen seien "Vorfälle totgeschwiegen" und Hinweisen oder "offenen Geheimnissen" nicht nachgegangen worden, so der Bericht. Zudem habe die frühere Schulleitung des Max-Planck-Gymnasiums in Saarlouis Dillinger "nicht ausreichend überwacht"; dort war er von 1979 bis 1999 Religionslehrer.

Tausende Fotos gefunden

Brauer und Hromada untersuchen den Komplex im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Bistum Trier (UAK). Dillinger (1935-2022) war Priester in Kirchengemeinden im Saarland und in Rheinland-Pfalz. In seinem Besitz wurden nach seinem Tod tausende Fotos gefunden - darunter laut Staatsanwaltschaft Mainz zehn strafrechtlich relevante jugendpornografische Aufnahmen und zwölf Fotos im Grenzbereich zur Jugendpornografie. 

Jürgen Brauer und Ingo Hromada, Ermittler im Missbrauchsfall Dillinger, am 11. Mai 2023 in Trier. / © Anna Fries (KNA)
Jürgen Brauer und Ingo Hromada, Ermittler im Missbrauchsfall Dillinger, am 11. Mai 2023 in Trier. / © Anna Fries ( KNA )

"Es ist kaum zu begreifen, dass eine Persönlichkeit wie Dillinger über Jahrzehnte im Dienst der Kirche verbleiben konnte - trotz allen Wissens über seine Übergriffigkeiten und Missbrauchstaten", unterstreicht die UAK. Erst 2012 verbot das Bistum Dillinger, Messen zu feiern und Kontakt zu Jugendlichen zu haben.

Schutz des guten Namens

"Die Tatenlosigkeit und das Wegschauen von kirchlichen Verantwortlichen - was nur als bewusste Vertuschung gewertet werden kann - diente zuvörderst dem Schutz des guten Namens der Kirche und des Bistums", betont die UAK: "Alle Hinweise auf die Taten Dillingers wurden weitgehend ignoriert."

Mit "großer Verärgerung" beklagen die Studienautoren, dass "die saarländischen Ermittlungsbehörden" mit wesentlichen Beweismitteln verantwortungslos umgegangen seien "und sie nahezu vollständig vernichtet haben, bevor eine Einsichtnahme erfolgen konnte".

Fragen offengeblieben

Brauer und Hromada weisen darauf hin, dass sie ihre Recherchen in Deutschland nun abgeschlossen hätten. Sie befragten mehr als 50 Zeitzeugen und betroffene Personen und werteten Akten des Bistums Triers und beteiligter Staatsanwaltschaften aus. Die UAK kündigte an, dass Brauer und Hromada sich bereit erklärt hätten, ihre Tätigkeit um ein weiteres Jahr zu verlängern. Es seien wichtige Fragen offengeblieben.

Alte Aktenordner im Regal eines Bistumsarchivs / © Julia Steinbrecht (KNA)
Alte Aktenordner im Regal eines Bistumsarchivs / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Dillinger, der die Hilfsorganisation CV-Afrika-Hilfe gegründet hatte, war auch in vielen afrikanischen Ländern unterwegs. "Mögliche Erkenntnisse aus noch laufenden Erkundigungen in afrikanischen Ländern sollen zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben werden", so die Studienautoren. Es sei enttäuschend, "dass verschiedene Stellen, so zum Beispiel das Auswärtige Amt, Bitten um Auskunft oder Unterstützung völlig ignoriert" hätten.

Der "letzte uns bekannt gewordene Sachverhalt" trug sich laut den Sonderermittlern 2018 im Fuldaer Priesterseminar zu, wo Dillinger zu Gast war. Ein rumänischer Student schilderte demnach, dass der Geistliche versuchte habe, ihn zu küssen. Dillinger bestritt den Sachverhalt. "Die Angaben des Studenten sind glaubwürdig", betonen die Sonderermittler.

Missbrauchsbeauftragte fordert klarere Regeln

Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, hat mit Blick auf den Fall Dillinger unterdessen klarere und einheitliche Regeln für eine Aufarbeitung gefordert. Das gelte besonders für den Umgang mit Akten- und Beweismaterial, sagte Claus am Dienstag auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Es sei nicht nachvollziehbar, dass in dem Fall wertvolles Material vernichtet worden sei. Das dürfe sich nicht wiederholen. 

Kerstin Claus / © Bernd von Jutrczenka (dpa)
Kerstin Claus / © Bernd von Jutrczenka ( dpa )

Claus erklärte, für Betroffene könnten Bilder wichtige Beweismittel sein, wenn es im Rahmen der kirchlichen Anerkennungsverfahren um finanzielle Leistungen gehe oder aber ein Antrag auf Opferentschädigung gestellt werde. Das Bistum Trier müsse auch über den Bericht hinaus alle weiteren Möglichkeiten einer Aufarbeitung nutzen. Nur dann könnten ähnliche Taten auch in Zukunft verhindert werden. 

Der Sprecher des Betroffenenvereins Eckiger Tisch, Matthias Katsch, bezeichnete den Fall als "erschütterndes Dokument einer Verantwortungslosigkeit". Vorgesetzte hätten über Jahrzehnte die Verbrechen des Mannes vertuscht, so Katsch auf Anfrage. Der Fall sei auch ein erneuter Beleg dafür, dass eine Aufarbeitung, die auf anonymisierten Auswertungen basiere, ihr Ziel verfehle. Ohne den Mut des Neffen von Dillinger, den Fall öffentlich zu machen, wäre es nicht zu dieser Aufarbeitung gekommen. Auch er plädierte für eine "wirkliche Aufarbeitung, die konkret wird".

Matthias Katsch, Sprecher der Initiative Eckiger Tisch / © Julia Steinbrecht (KNA)
Matthias Katsch, Sprecher der Initiative Eckiger Tisch / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Zugleich forderte Katsch, dass der Staat mehr Verantwortung für die Aufarbeitung übernimmt. Dies schulde er auch den Betroffenen. Erneut warb Katsch für eine Wahrheitskommission, "bei der die Dinge auf den Tisch kommen". Ein "Weiter so"  mit einer Aufarbeitung, die tröpfchenweise erfolge und bei der Zufälle sowie die Initiativen einzelner eine große Rolle spielten, sei nicht hinnehmbar.

Bistum: Dillinger-Abschlussbericht bringt "größere Klarheit"

Der vorläufige Abschlussbericht bringt nach Einschätzung des Bistums Trier hingegen "größere Klarheit". Dies gelte vor allem für die Betroffenen, "aber auch für das Bistum in Bezug auf das Agieren und die Taten von Edmund Dillinger und die Fehler und Versäumnisse der Verantwortlichen des Bistums", erklärte die Diözese am Dienstag in Trier. 

"Die beiden Ermittler zeichnen das Bild eines Menschen, der über Jahrzehnte ein Doppelleben führte", so das Bistum. Einerseits habe er als Priester eine ausgesprochen enge Position der kirchlichen Lehre vertreten, andererseits aber genau das Gegenteil dessen gelebt, was er als moralisch und vorbildlich propagiert habe. Es werde offenkundig, "dass ein Priester der Trierer Kirche Kinder und Jugendliche missbraucht hat, und dass dies auch möglich war, weil Verantwortliche früherer Zeiten es unterlassen haben zu handeln oder unangemessen reagiert haben". 

Trierer Dom / © Julia Steinbrecht (KNA)
Trierer Dom / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Erneut zeige sich ein Muster: "Dass vor allem in den Jahren vor dem Jahr 2000 viele von diesem Doppelleben wussten oder etwas ahnten, sich aber dafür entschieden, nichts zu unternehmen oder wegzuschauen", so die Diözese. In besonderer Weise treffe dies auf die im Bistum Trier Verantwortlichen in den 1960er und 1970er Jahren zu. "Das damalige Handeln entsprach in keinster Weise einer Betroffenenorientierung", rügte die Diözese. 

Mit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Bistum Trier (UAK) seien sich "die Bistumsverantwortlichen einig, dass Aktivitäten innerkirchlicher Gruppierungen beziehungsweise Bündnisse, die dazu beitragen, sexuellen Missbrauch zu verdecken oder dessen Aufdeckung zu behindern, aufgearbeitet und bekämpft werden müssen".

Durch die Aufdeckung von Verbrechen des sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche und die Präventionsarbeit der vergangenen Jahre sei eine "Achtsamkeit auf allen Ebenen des Bistums und in allen Bereichen des kirchlichen Lebens" gewachsen, betonte das Bistum, das seit 2009 von Bischof Stephan Ackermann geleitet wird. Er war von 2010 bis 2022 Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz.

Bistum Trier

Liebfrauenkirche und Trierer Dom / © Julia Steinbrecht (KNA)
Liebfrauenkirche und Trierer Dom / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Das Bistum Trier ist das älteste in Deutschland. Es erstreckt sich über eine Fläche von 12.870 Quadratkilometern. Im Bistum Trier, das Grenzen zu Frankreich, Luxemburg und Belgien hat, leben etwa 2,5 Millionen Menschen. Als erster Bischof von Trier gilt der heilige Eucharius im dritten Jahrhundert. Das spätere Erzbistum, dessen Oberhirten seit 1198 auch Kurfürsten waren, war eines der wichtigsten im alten Reich. 

Quelle:
KNA