Was bewegt in Deutschland lebende Ukrainer nach drei Jahren Krieg?

"Wir stehen fassungslos vor der politischen Entwicklung"

Am dritten Jahrestag des Ukrainekrieges haben die Menschen an vielen Orten der Opfer gedacht, aber auch Bitten an die Politik gerichtet. Inzwischen trauert fast jede ukrainische Familie um Angehörige, Freunde, Kameraden oder Nachbarn.

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Menschen stehen fassungslos vor den Roll ups mit den Bildern getöteter Kinder / © Beatrice Tomasetti (DR)
Menschen stehen fassungslos vor den Roll ups mit den Bildern getöteter Kinder / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Auf dem schwarzgrundigen Roll up lächeln Nicole und Denys in die Kamera. Mit ihrem Lieblingskuscheltier im Arm hat das bunte Bild etwas Unschuldiges, ja Heiteres – wie Kinderfotos ja meistens. Vielleicht ist es ein Schnappschuss der Zwillinge an ihrem ersten Geburtstag. Dann müsste das Foto ein Monat vor ihrem Tod entstanden sein. Denn die beiden Kleinkinder aus dem Dorf Yurivka in der Region Schytomyr haben einen russischen Bombenangriff am 8. März 2022 in ihrem Wohnhaus nicht überlebt. 

Die Geschichten der im Krieg getöteten Kinder sind erschütternd / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Geschichten der im Krieg getöteten Kinder sind erschütternd / © Beatrice Tomasetti ( DR )

In der Ich-Form berichtet der kleine Denys davon, dass er und seine Schwester gerade die ersten Schritte machten, Nicole beim Laufenlernen ihm eher voraus war und auch schon "Mama", "Oma" und "Opa" sagen konnte, er sich mit dem Sprechen dagegen noch schwer tat. "Aber wir spielten gerne miteinander und waren sehr aktiv", heißt es in dem auf Deutsch und Ukrainisch verfassten Begleittext. Denys erzählt auch, dass ihre Mutter noch studierte, davon träumte, eines Tages als Landschaftsarchitektin in der Hauptstadt Kyjiw zu arbeiten, und daheim einen wunderschönen Blumengarten angelegt hatte. Außerdem erfährt man, dass die Urgroßmutter oder der junge Onkel, der noch im Teenageralter war, am Abend oft auf die Kinder aufgepasst haben und dass sie viele Spielsachen besessen hätten – darunter eine "sprechende" Blume, die den Kleinen jeden Mucks nachplapperte. Am Ende sagt Denys: "An dem Tag, als die Bomben auf unser Haus fielen, waren wir alle zuhause – außer Großvater, der bei der Arbeit war. Wir haben den Angriff nicht überlebt, nur unsere Tiere." Jetzt sehe Großvater den Sinn seines Lebens darin, anderen Menschen zu helfen.

Porträt-Ausstellung von getöteten Kindern

Die Geschichte des 14-jährigen Wolodymyr, der Programmierer werden wollte, alles liebte, was mit Computern zu tun hatte, und bei demselben Bombenangriff ums Leben kommt, liest sich genauso erschütternd. Oder die des fünfjährigen Kyrylo, der bei einem Angriff einen Tag zuvor als einer von drei Brüdern in der Stadt Sumy sein Leben verliert. Verstörend ist auch das, was die zwölfjährigen Veronika über sich sagt: Nach einem tödlichen Raketentreffer wurde sie zunächst in einem Wald begraben, während ihre Mutter und die kleine Schwester einen Monat lang von den Russen in einer Schule gefangen gehalten wurden. Erst sehr viel später sei sie umgebettet worden. 

Tief bewegt lesen die Besucher die Geschichten, die zu einer Ausstellung zusammengetragen wurden / © Beatrice Tomasetti (DR)
Tief bewegt lesen die Besucher die Geschichten, die zu einer Ausstellung zusammengetragen wurden / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Diese Zeugnisse von Kindern, die von ihrem Alltag, ihren Sehnsüchten, aber eben auch ihrem eigenen Sterben in diesem russischen Angriffskrieg sprechen, hat die Apostolische Exarchie für die Ukraine zusammengestellt und wie ein Mahnmal als Porträt-Ausstellung konzipiert. Sie will damit den vielen von Russland getöteten Kindern ein Gesicht geben, ihr ausgelöschtes Leben lebendig halten, von dem vielleicht niemand mehr erzählen kann, weil in den vergangenen drei Jahren – vor allem aber zu Beginn des Krieges – teils ganze Familien im Bombardement umkamen und deren Leichen mitunter nicht einmal würdig bestattet werden konnten. 

Gebet für die verstorbenen Kinder und gefallenen Soldaten

Mindestens zehn solcher Roll ups standen am vergangenen Wochenende in der Kirche St. Theresia in Köln-Mülheim und später am Nachmittag auch noch einmal in St. Marien, Bad Godesberg – da wo der ukrainische Priester Hennadii Aronovych jeden Sonntag Gottesdienste mit seinen Landsleuten feiert und diesmal wiederholt das Gedenken an die unzählig getöteten, zu tausenden vermissten, verletzten sowie zu hunderttausenden verschleppten Kinder seit 2014 ins Zentrum stellte. In einem weiteren Gebet lud er dazu ein, aller Verstorbenen des Krieges – darunter der vielen gefallenen Soldaten – zu gedenken. Schweigend und mit Tränen in den Augen betrachteten die Gottesdienstbesucher im Anschluss die aufgestellten Kinderfotos mit den zutiefst berührenden Dokumentationen eines viel zu kurzen Lebens.

Jeden Sonntag versammeln sich die ukrainische Gemeinde in St. Thersia, Mülheim, zum Gottesdienst / © Beatrice Tomasetti (DR)
Jeden Sonntag versammeln sich die ukrainische Gemeinde in St. Thersia, Mülheim, zum Gottesdienst / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Doch nicht nur der Blick zurück, vor allem auch das Leid der Gegenwart und das, was die Zukunft bringen wird, beschäftigt viele Ukrainer, die als Kriegsflüchtlinge nach Deutschland gekommen sind oder schon 2014 – nach der russischen Annektion der Krim – ihre Heimat verlassen haben. Wie zum Beispiel Natalia Zinko, deren Eltern und Geschwister noch in der Ukraine leben und die sich wie viele andere Mitglieder der ukrainisch griechisch-katholischen Kirche ehrenamtlich engagiert, indem sie Medikamente, warme Kleidung und Bettzeug sammelt und solche Posten regelmäßig in die Heimat schickt. Der Mann ihrer Schwester ist im Kampfeinsatz nahe Charkiw, ihr Cousin wird vermisst. Zurzeit herrschen dort bis zu minus 15 Grad, die Soldaten leiden unter der Kälte, viele werden krank. "Es ist ein unfairer, harter Krieg ohne jegliche Regeln", stellt die 47-Jährige fest. Die aktuelle Situation, dass US-Präsident Trump und der russische Diktator Putin miteinander verhandeln – und das über die Ukraine hinweg – empfindet sie als zynisch. 

Enttäuscht von den USA

Das Schlimmste aber sei die Verkehrung der Täter-Opfer-Rolle, sagt sie. Ihre Hauptsorge bestehe darin, dass die Verträge, die beide nun schließen wollten, zum Zusammenbruch der bisherigen Weltordnung führten, obwohl die Ukraine drei Jahre lang die westlichen Werte mit dem Tod zigtausender Menschenleben verteidigt habe. Maßlos enttäuscht sei sie von den USA, erklärt Natalia. "Dabei brauchen wir doch dringend ihre Unterstützung." 

Mariya Kautz engagiert sich in der ukrainischen Gemeinde / © Beatrice Tomasetti (DR)
Mariya Kautz engagiert sich in der ukrainischen Gemeinde / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Ihr größter Wunsch ist, nach dem Krieg nach Ternopil im Westen, wo sie vor dem Krieg gelebt hat, zurückzukehren. Und ihre größte Sorge, dass die Grenzen geschlossen werden und sie ihre Familie nie wiedersieht. Sie bete für den Sieg der Ukraine, einen gerechten Frieden und dass sich ihre große Familie eines Tages wieder um einen Tisch versammele – wie vor dem Krieg. Das Opfer der vielen gefallenen Soldaten dürfe nicht umsonst gewesen sein.

Tetiana Vozniak

"Alle, die an der Front kämpfen, können sich etwas anderes nicht mehr vorstellen und wollen auch die Kameraden nicht im Stich lassen."

Tetiana Vozniak bangt täglich um ihren Sohn Roman. Vor dem Krieg lebte der heute 35-Jährige in Deutschland. Aber als der Krieg ausgebrochen sei, habe ihn hier nichts mehr gehalten, berichtet sie. "Als Patriot muss ich für mein Land kämpfen", hört sie ihn noch sagen. Abbringen von diesem Entschluss konnte sie ihn nicht. Inzwischen hat er eine sieben Monate alte Tochter in der Ukraine und absolviert eine Panzerausbildung, nachdem er lange in Pokrowsk nahe der Frontlinie Drohnen ausgespäht hat. Als Mitglied der Sturmeinheiten besteht zu befürchten, dass seine Brigade nach Kursk muss. Für sie als Mutter ein Albtraum. "Seit Roman im Krieg ist, besteht mein Leben nur noch aus Angst. Aber alle, die an der Front kämpfen, können sich etwas anderes nicht mehr vorstellen und wollen auch die Kameraden nicht im Stich lassen", gesteht die 56-Jährige unter Tränen. Jeden Tag warte sie auf ein Lebenszeichen. "Und wenn es nur ein erhobener Daumen per Whatsapp ist." 

Unterstützung der in der Ukraine kämpfenden Soldaten

Auch Tetiana gehört zu dem großen Kreis der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer der Kirchengemeinde, die mit jedem Euro, den sie übrig hat, die Einheit ihres Sohnes unterstützt. Allein drei Autos hat sie schon finanziert, die sie von ihrem Ersparten oder Spendengeldern gekauft und in die Ukraine hat überführen lassen. "Andauernd werden solche Fahrzeuge in die Luft gesprengt. Aber wer Angehörige im Krieg hat, tut alles für deren Unterstützung", betont sie. Jeden Tag bete sie, dass Roman den Krieg überlebt. "In meinem Kopf gibt es nur noch das Thema Krieg. Wir alle können kaum noch an etwas anderes denken." Und seit es um eine mögliche Kapitulation der Ukraine gehe, weine sie nur noch. "Drei Jahre haben wir alle unsere Kraft mobilisiert, waren hochmotiviert, diesen Kampf zu gewinnen, aber jetzt weiß ich zum ersten Mal nicht mehr, wie es weitergehen soll."

Die Kirche ist sonntags immer bis auf den letzten Platz gefüllt / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Kirche ist sonntags immer bis auf den letzten Platz gefüllt / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Es sei niederschmetternd, wie sich Trump und Putin gerade auf der Weltbühne aufstellten, findet Mariya Kautz. "Wie sie das, was wir drei Jahre verteidigt haben, mit Füßen treten. Wir stehen fassungslos vor dieser politischen Entwicklung der letzten Wochen." Die 48-Jährige ist eigentlich ausgebildete Orchestermusikerin, heute aber Lehrerin an einer Mülheimer Realschule und unterrichtet inzwischen nebenher zwei ukrainische Kinder, die schwerste Verbrennungen bei der Explosion einer Gasleitung davon getragen haben. Weit mehr als 50 Operationen mussten sie sich seit ihrer Behandlung im Kinderkrankenhaus an der Amsterdamer Straße unterziehen. Heute sind ihre Verletzungen noch immer so schwer, dass sie ohne Schutzmasken und Spezialanzüge nicht nach draußen können – zum einen, damit sie vor den Blicken der anderen geschützt sind, aber auch weil die Narben so am besten verheilen können. "Diese Kinder waren einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt Mariya. "Eine deprimierende Situation." Um die beiden, 12 und 9 Jahre alt, zwischendurch immer mal abzulenken, singe sie beim Lernen manchmal mit ihnen. "Oder aber wir beten, weil das, was die Kinder durchgemacht haben, nur schwer auszuhalten ist."

Mariya Kautz

"Butscha – das war nur ein Mikroprojekt Putins im Vergleich zu dem, was geschieht, wenn wir von zwei Autokraten zur Kapitulation gezwungen werden."

Auch Mariya hat ihre Eltern und Freunde in der Ukraine, die ständig unter Beschuss stünden, wie die Wahlkölnerin erzählt. Sie bete um verantwortungsbewusste Politiker – gerade jetzt nach den Wahlen – die nicht aufhörten, die Ukraine zu unterstützen. 

Frauen im Gebet / © Beatrice Tomasetti (DR)
Frauen im Gebet / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Niemand könne sich vorstellen, was es bedeute, Tag und Nacht um das Leben der engsten Angehörigen zu fürchten, immerzu auf ein Zeichen zu warten und dennoch im Alltag funktionieren zu müssen. Auch wenn Trump nun eine Wende herbeiführen wolle, sollte Europa zusammenstehen und die Ukraine nicht ihrem Schicksal überlassen, "während wir das machen, was wir in den letzten drei Jahren gemacht haben: Widerstand leisten". Denn wenn die Ukraine falle, würden noch mehr Menschen als bisher getötet. "Butscha – das war nur ein Mikroprojekt Putins im Vergleich zu dem, was geschieht, wenn wir von zwei Autokraten zur Kapitulation gezwungen werden."

Quelle:
DR

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