Gerade bei Jobs im Niedriglohnsektor sieht es düster aus.
Geschlossen - schon wieder: Die Gastronomie leidet unter den Corona-Maßnahmen
Prof. Ulrich Hemel
Prof. Ulrich Hemel

02.11.2020

BKU-Vorsitzender hat Bedenken bei Corona-Maßnahmen "Es geht auch um Stimmungslagen"

Schon die erste Corona-Welle hat viele Existenzängste mit sich gebracht. Nun wird mit großer Skepsis auf die neuen Regeln zur Eindämmung der Pandemie geschaut. Gastronomie und Kulturstätten leiden. Sind die Maßnahmen sinnvoll?

DOMRADIO.DE: Wie bewerten Sie die aktuellen Maßnahmen unterm Strich? Eher sinnvoll oder nicht?

Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel (Vorsitzender des Bundes katholischer Unternehmer): Insgesamt eher sinnvoll, aber mit großen Bedenken und mit einem echten Dilemma. Das Dilemma besteht darin, dass wir wissen, dass etwa 75 Prozent der Infektionen heute nicht sicher nachverfolgt werden können.

Da hat die Politik im Spagat zwischen der Schließung von Schulen und der Schließung von Freizeiteinrichtungen, aber auch von Gastronomie, sich dieses Mal dafür entschieden, Freizeit, Kultur und Gastronomie herunterzufahren. Das ist tatsächlich ein Dilemma.

Denn man kann nicht Kontakte beschränken, ohne es effektiv zu tun. Man muss aber sehr wohl auch wahrnehmen, wie viel die gastronomischen Betriebe und Freizeiteinrichtungen in den letzten Monaten getan haben, um wirklich gute Hygiene-Konzepte vorzulegen.

Deswegen kann ich mir gut vorstellen, dass gerade dieses Thema in der Vorbereitung auf den nächsten Lockdown eine ganz andere Rolle spielen wird. Und wenn ich sage "in Vorbereitung auf den nächsten Lockdown", dann spiegle ich, was in der Zwischenzeit als Stimmung rüberkommt. Wir haben sozusagen ein Wechselspiel von Lockdown und Öffnung, Lockdown und Öffnung... Und das könnte auch so weitergehen.

DOMRADIO.DE: Dann sagen Sie doch mal, wie Sie sich das vorstellen würden. Wie könnten beim nächsten Lockdown wirkungsvolle Corona-Maßnahmen gleichzeitig wirtschaftsfreundlicher daherkommen?

Hemel: Nun ja, wir sind alle in einem gigantischen kollektiven Lernprozess. Und dazu gehört auch, dass wir mehr testen müssen. Das tun wir ja bereits. Wir können das aber auch tatsächlich noch ausdehnen.

Ich spreche jetzt insbesondere von den sogenannten Hotspots. Wir lernen immer wieder, dass es solche Hotspots gibt. Im Sommer waren es die Erntehelfer, dann kamen die Schlachthöfe, jetzt haben wir doch sehr viele Pflegeheime mit einer sehr hohen Inzidenz.

Es spricht in meinen Augen überhaupt nichts dagegen, in den Pflegeheimen regelmäßig, idealerweise wöchentlich oder mindestens zweiwöchentlich das gesamte Personal und die Bewohner durchzutesten. Denn nur dann haben wir eine gewisse Sicherheit, dass wir dem Virus Einhalt gebieten können. Und das ist besser, als die gesamte Wirtschaft leiden zu lassen.

DOMRADIO.DE: Besonders hart trifft der Lockdown jetzt die Gastronomie und die Kultur-Branche. Wie wichtig sind die Bereiche für die Gesamtwirtschaft?

Hemel: Sie sind für die Gesamtwirtschaft von großer Wichtigkeit. Aber das sind andere Bereiche auch. Auch wenn es um gigantische Summen geht, so ist natürlich der Wertschöpfungsbeitrag von Gastronomie und Freizeit nicht der einzige im Land.

Wir dürfen aber eines nicht vergessen: Wir sitzen in einem Boot und es geht auch um Stimmungslagen. Zur Stimmungslage gehören hier zwei Dinge. Das eine ist die Teilhabe am sozialen Leben. Das betrifft alle. Da sagen viele Gastronomen: Na ja, ich habe mich angestrengt und investiert, ich habe alles getan, was möglich ist und jetzt werde ich bestraft.

Das ist ein ungünstiges Gefühl. Es gibt eine zweite Geschichte: Auch in der Bevölkerung haben wir Lust zum Austausch. Wir wollen uns schon treffen, auch mit Vorsichtsmaßnahmen. Auch da ist das in dem eh etwas düsteren Monat November kein besonderer Stimmungsaufheller.

DOMRADIO.DE: Im ersten Lockdown sind jede Menge Soforthilfen gezahlt worden. Hat das rückblickend funktioniert?

Hemel: Bei den Soforthilfen der ersten Welle würde ich sagen: überwiegend ja. Da gibt es Kritik an einzelnen Maßnahmen und einzelnen Verzögerungen. Aber überwiegend hatte ich den Eindruck, dass da doch sehr viel auch relativ punktgenau funktioniert hat und, dass uns das auch über diese erste Hürde getragen hat.

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass das Geld, was wir jetzt auszahlen und ausgeben, irgendwann auch zurückgezahlt werden muss. Und das ist nun mal eine Last, die wir kommenden Generationen aufbürden.

Deswegen brauchen wir auch hier eine sehr, sehr sorgfältige Abwägung, welche Maßnahmen zukünftig sinnvoll sind und welche nicht. Dass wir jetzt in dieser zweiten Welle stark auf die Solo-Selbstständigen zugehen, halte ich für richtig.

Aber wir sollten eines nicht vergessen: Wir sollten auch an größere Vorhaben denken, zum Beispiel eine Sozialversicherungspflicht für Solo-Selbstständige. Damit machen wir uns nicht nur Freunde. Wir halten es aber im Sinn einer sozialen Marktwirtschaft für richtig, das eine mit dem anderen zu verbinden. 

Das Interview führte Hilde Regeniter. 

(DR)

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