DOMRADIO.DE: "Die Kirche im Dorf lassen", diesen Spruch nehmen Sie wörtlich. Die Kirche in Serm bleibt im Dorf, dank Ihres Engagements. Es gibt wahrlich einfachere Jobs. Warum machen Sie das?
Michael Germ (Erster Vorsitzender Verein der Freunde und Förderer der katholischen Gemeinde Herz Jesu in Duisburg-Serm): Ich bin vor zehn Jahren in dieses Dorf gezogen und habe mich hier eingelebt. Dann habe ich mitbekommen, dass die Kirche geschlossen werden soll. Da war mir klar, dass ich nicht in einem Dorf leben möchte, in dem meine Enkelkinder ohne Kirche groß werden. Das war meine Motivation, mich darum zu kümmern.
DOMRADIO.DE: Das Bistum Essen wollte die Herz Jesu-Kirche in Serm schließen: zu hohe Kosten, zu wenig Personal. Dann kamen Sie. Was machen Sie konkret mit der Kirche? Sind Gottesdienste möglich?

Germ: Die Kirche sollte nicht nur geschlossen, sondern sogar abgerissen werden. Das war völlig undenkbar für uns.
Wir machen Wortgottesdienste, wir machen die Kommunionsvorbereitung. Wir arbeiten eng mit den Geistlichen vor Ort zusammen und haben immer wieder auch eine Heilige Messe.
Das kirchliche Leben geht eigentlich unverändert weiter - mit dem Unterschied, dass es nicht immer eine Heilige Messe ist, sondern auch Wortgottesdienste, Taufen und Beerdigungen. Alles findet bei uns statt.
DOMRADIO.DE: Wie viele Ehrenamtler unterstützen dieses Vorhaben?
Germ: Ich habe einen Initiativkreis. Das ist der engere Zirkel, das sind ungefähr 15 Leute. Zusätzlich haben wir über 430 Mitglieder, die uns mit ihrem Beitrag unterstützen.
DOMRADIO.DE: Wie stemmen Sie das Ganze finanziell?
Germ: Die 430 Mitglieder zahlen einen durchschnittlichen Monatsbeitrag von zehn Euro. Außerdem machen wir Veranstaltungen und generieren damit Einnahmen.
Ab und zu gibt es Spenden, wenn Menschen uns verlassen und statt Blumen Spenden gegeben werden. Das alles führt dazu, dass wir ein ausreichendes Volumen haben, um die Unterhaltskosten zu bezahlen und eine Rücklage zu bilden.
DOMRADIO.DE: Welche Bedeutung hat die Herz-Jesu-Kirche für das Dorf?
Germ: Es ist unbeschreiblich, wir sind der Dorfmittelpunkt. Auf dem Kirchplatz finden die Feste und Veranstaltungen statt, im Gemeindezentrum ebenfalls. Es gibt noch einen Dorfgasthof, aber eigentlich sind wir der geistliche und weltliche Mittelpunkt dieses Dorfes.
Einen bezeichnenden Satz sagte jemand beim letzten Gemeindefest: "Mein Gott, was machen wir eigentlich, wenn es das hier mal nicht mehr geben würde?"

DOMRADIO.DE: Was sagt das Bistum Essen zu Ihrem Engagement?
Germ: Das unterstützt uns, das kann ich nur loben. Es hat in allen Gesprächen, die wir geführt haben, immer ein gutes Gefühl gegeben.
Die Bistumsleitung sagt, dass wir ein Einzelfall sind, das sei nicht auf alle anderen Kirchstandorte zu übertragen. Sie mögen uns und helfen uns sehr.
DOMRADIO.DE: Was haben Sie in diesem Jahr alles vor?
Germ: Heute findet zum Beispiel ein Jazzkonzert im Rahmen der Duisburger Akzente statt. In 14 Tagen findet ein Orgel-Konzert statt. Wir machen eine Kinderdisco oder einen Tanz in den Mai, das allerdings im Gemeindezentrum. Wir hatten auch schon einen Opernabend.
Unser Credo ist, dass wir für alle Menschen im Dorf und verschiedene Interessen ein Angebot machen. Das gilt für Kinder als auch für ältere Menschen oder die mittlere Generation. Wir wollen es breit abdecken, damit dieser Dorfmittelpunkt für alle ein interessantes und ansprechendes Erlebnis bietet.
DOMRADIO.DE: Es gibt viele Kirchen, ob katholisch oder evangelisch, die tatsächlich vor dem Aus stehen, anders genutzt oder sogar abgerissen werden. Könnte Herz-Jesu in Serm ein Vorbild für andere Gemeinden sein?
Germ: Da bin ich ganz sicher, dass wir das können, denn wir haben – anders als oft gesagt wird – keine Großspenden. Wir stemmen das aus der großen Gemeinschaft, die wir haben. Viele kleine Beiträge führen zu einem großen Ergebnis.
Wir sind besonders stolz, dass es uns gelungen ist, diese Kirche in eine private Eigentümerschaft zu übernehmen, ohne dass sie profaniert werden musste. Wir haben wirklich den Spagat geschafft: Der Verein ist Eigentümer, aber die Kirche bleibt eine vollständige katholische Kirche.
Das Interview führte Carsten Döpp.