Hilfswerke lehnen Pflicht zu Gesellschaftsdienst ab

Lieber Freiwilligendienste stärken?

In der Debatte um Wehr- und Gesellschaftsdienst sind Hilfswerke gegen eine Pflicht. Stattdessen setzen sie auf einen Ausbau der bestehenden Angebote, auf eine auskömmliche Finanzierung und auf bessere, verbindliche Beratungsangebote.

Autor/in:
Anna Mertens
Symbolbild Essensausgabe für Bedürftige / © addkm (shutterstock)

Zugleich begrüßten die Hilfsorganisationen die Debatte über mehr gesellschaftliches Engagement.

"Es ist klar, dass wir in den kommenden Jahren aufgrund der anstehenden Herausforderungen wie demografischer Wandel und Zunahme von Extremwetterereignissen mehr zivilgesellschaftliches Engagement brauchen", sagte Joß Steinke vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) am Montag in Berlin. Das DRK plädiert für ein freiwilliges Gesellschaftsjahr, "das allen offensteht, das auf den bewährten Freiwilligendiensten aufsetzt und mit vergleichsweise geringen Kosten umsetzbar ist".

Mehr als sechs Monate und Beratung

Die Caritas setzt auf einen allgemeinen freiwilligen Gesellschaftsdienst - als Wehrdienst, im Bevölkerungsschutz oder als Freiwilligendienst - mit verbindlicher Beratung am Ende der Schulzeit. "Unser Vorschlag zielt darauf, die Zahl der Freiwilligen in allen drei Sparten des Gesellschaftsdienstes kurzfristig zu verdoppeln, denn es geht um äußere, innere und soziale Sicherheit", sagte die Präsidentin des Deutschen Caritasverband, Eva Welskop-Deffaa, der KNA.

Der Dienst sollte aber wie bisher der Freiwilligendienst länger als sechs Monate dauern. "Ein sechsmonatiges Schnupperpraktikum ist als Lerndienst zu kurz", betonte Welskop-Deffaa. Zugleich sollten sowohl die Kasernen als auch Träger der Freiwilligendienste besser ausgestattet werden.

Potenzial nicht ausgeschöpft

Auch die Evangelischen Freiwilligendienste sehen eine Stärkung der bestehenden Engagement-Formate als erste Stellschraube.

"Freiwilligendienste sind ein Motor für die Demokratie. Sie stärken die Zivilgesellschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt", sagte der Geschäftsführer der Evangelische Freiwilligendienste, Martin Schulze, der KNA.

Aktuell werde das Potenzial aber nicht ausgeschöpft. Nicht alle Interessierten hätten Zugang, und es fehle eine gesicherte Finanzierung. Es brauche daher ein "Recht auf einen Freiwilligendienst", mit Freiwilligengeld und Einladung sowie Beratung für alle jungen Menschen. "Sollten diese Änderungen jetzt erfolgen, sehen sich die Verbände gemeinsam in der Lage, bis 2030 die Freiwilligendienste auf mindestens 200.000 im Jahr zu verdoppeln."

Dienst-Debatte bei ausgesetzter Wehrpflicht

Seit Wochen wird über verschiedene Modelle zur Stärkung der Wehrfähigkeit und für mehr gesellschaftliches Engagement diskutiert.

Die bayerischen Grünen hatten am Wochenende einen verpflichtenden "Freiheitsdienst" vorgeschlagen. Dieser solle für alle Menschen zwischen 18 und 67 Jahre gelten, sechs Monate dauern und als Wehrdienst, beim Bevölkerungsschutz oder als Gesellschaftsdienst abgeleistet werden. Schon abgeleistete Dienste oder bestimmte ehrenamtliche Tätigkeiten könnten angerechnet werden. Die Union will ein verpflichtendes Dienstjahr für alle - Männer und Frauen - einführen. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat das vorgeschlagen.

Rein rechtlich gilt die Wehrpflicht in Deutschland weiterhin. Sie wurde 2011 lediglich vom Bundestag für Friedenszeiten ausgesetzt.

Politik und Experten sind sich weithin einig, dass eine Wehrpflicht nach altem Vorbild derzeit rechtlich und mangels Ausbildungskapazitäten nicht realistisch ist.

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte das Modell eines auf Freiwilligkeit beruhenden Wehrdienstes vorgestellt. Hierfür sollten alle im wehrdienstfähigen Alter einen Fragebogen zu Fitness und Motivation erhalten. Die Beantwortung wäre für Männer verpflichtend, für Frauen freiwillig. Ein Teil der jungen Männer würde zur Musterung aufgefordert, bei Frauen wäre auch dies freiwillig.

Deutsches Rotes Kreuz

Die internationale Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung ist mit 190 Nationalen Gesellschaften die größte humanitäre Organisation der Welt. Das Deutsche Rote Kreuz ist Teil dieser weltweiten Gemeinschaft, die seit über 150 Jahren umfassend Hilfe leistet für Menschen in Konfliktsituationen, bei Katastrophen und gesundheitlichen oder sozialen Notlagen, allein nach dem Maß der Not.

Deutsches Rotes Kreuz / © DRK / Günter Wicker (epd)