Jerusalems früherer Patriarch Erzbischof Sabbah wird 90

Unermüdlicher Einsatz für den Frieden

Gegen den Krieg, für den Frieden und die Rechte seines Volkes. Michel Sabbah vertritt auch im hohen Alter klare Positionen. 20 Jahre lang leitete er die Geschicke der römischen Katholiken im Heiligen Land. Nun wird er 90 Jahre alt.

Autor/in:
Andrea Krogmann
Michel Sabbah, emeritierter Lateinischer Patriarch von Jerusalem / © Corinne Simon (KNA)
Michel Sabbah, emeritierter Lateinischer Patriarch von Jerusalem / © Corinne Simon ( KNA )

Auch 15 Jahre nach dem Ausscheiden aus seinem Amt als Lateinischer Patriarch von Jerusalem wird Michel Sabbah nicht müde, seine Stimme für das zu erheben, was ihm am Herzen liegt. Immer wieder äußert sich der oberste römische Katholik im Heiligen Land Sabbah zur Lage in der Region.

Die Stimme der Palästinenser und der Ruf nach Gerechtigkeit und Freiheit dürften nicht länger ignoriert werden, mahnte er im Herbst, als am Gazastreifen erneut die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern eskalierte.

Dabei erklärte er wiederholt, er sei "kein Politiker, kein Krieger, kein Kämpfer, sondern ein christlicher Geistlicher". Sein Einsatz komme "nicht, weil ich Palästinenser bin, sondern weil ich Mensch und Christ bin". Am 19. März wird der Erzbischof 90 Jahre alt.

Gut 20 Jahre lang "Oberster Katholik des Heiligen Landes"

Als erstes arabisches Oberhaupt seit der Wiederbelebung des Lateinischen Patriarchats 1847 leitete Sabbah 20 Jahre lang die Geschicke der römischen Katholiken im Heiligen Land. 1933 in Nazareth geboren, trat er mit zehn Jahren ins "kleine Seminar" des Patriarchates in Beit Dschalla ein und studierte anschließend im "großen Seminar" Theologie und Philosophie. 1955 wurde er in seiner Geburtsstadt zum Priester geweiht und im selben Jahr zum Vikar im jordanischen Madaba ernannt. Er unterrichtete Arabisch am Seminar und war Zeremoniar des Patriarchen.

Jean-Louis Tauran (l.), Erzbischof von Thelepte (Tunesien), Michel Sabbah (m.), Patriarch von Jerusalem, und der Moderator Vadie Abu-Nassar (r.) bei einer internationalen Tagung in Jerusalem am 27. Oktober 1998 / © Wolfgang Radtke (KNA)
Jean-Louis Tauran (l.), Erzbischof von Thelepte (Tunesien), Michel Sabbah (m.), Patriarch von Jerusalem, und der Moderator Vadie Abu-Nassar (r.) bei einer internationalen Tagung in Jerusalem am 27. Oktober 1998 / © Wolfgang Radtke ( KNA )

Als junger Priester widmete er sich mit besonderem Interesse der arabischen Sprache und den Islamwissenschaften, die er von 1968 bis 1975 in der Diözese Dschibuti am Horn von Afrika lehrte. Seine Doktorarbeit in arabischer Philologie verfasste er in Beirut. 1980 übernahm Sabbah die Präsidentschaft der Bethlehem-Universität - bis er 1988 Patriarch wurde.

Kritik an internationaler Gemeinschaft

In Sabbahs früheres Bistumsgebiet fallen Israel, die palästinensischen Gebiete, Jordanien und Zypern, in seine Amtszeit die beiden Palästinenseraufstände, die Oslo-Abkommen, die Rückkehr von Palästinenserführer Jassir Arafat nach Palästina und dessen Tod. Ein gerechter Frieden und eine Lösung des Nahostkonflikts bleiben bis heute unerreicht.

Michel Sabbah, früherer Patriarch von Jerusalem

"Von den Palästinensern Frieden zu verlangen und ihnen gleichzeitig zu sagen 'Ihr bekommt nichts', ist keine Lösung."

Nur, wenn auch die Palästinenser gerettet werden, werde Israel gerettet sein: Sabbahs wiederholte Botschaft ist auch die Kernaussage eines 2021 veröffentlichten Filmporträts über den "Patriarchen des Volkes". Israel habe bisher den falschen Weg der Besatzung, des Hasses, des Krieges und der militärischen Überlegenheit gewählt. Dabei könne nur Frieden mit den Palästinensern Israel zu einem dauerhaften, sicheren Platz in der Nahostregion verhelfen.

Der Rest der Welt, monierte der Emeritus, lasse die Palästinenser allein. Wer Frieden und Krieg in der Hand habe, müsse Frieden sagen - ob es nun Israel sei oder die internationale Gemeinschaft, die Druck auf Israel ausüben müsse. "Von den Palästinensern Frieden zu verlangen und ihnen gleichzeitig zu sagen 'Ihr bekommt nichts', ist keine Lösung."

Blick auf Jerusalem / © Roman Sigaev (shutterstock)

Hoffnung auf Frieden bleibt

Auch mit Kirchen weltweit geht der Alt-Patriarch mitunter hart ins Gericht. Israel brauche Freunde, die ihm die Wahrheit sagten, und keine Doppelmoral, sagte er im Sommer bei der Vorstellung eines Dossiers zum "System Apartheid in Israel". Wenn die Kirche sich weigere, Israels Gesetze und sein Handeln als Apartheid zu bezeichnen, trage sie zu deren Fortbestand bei. Entsprechend müsse die Kirche "die internationale Gemeinschaft formen und anführen" im Kampf gegen diese Apartheid.

Xavier Abu, palästinensischer Politikwissenschaftler

"Mit seiner Art, sich an die Seite der Unterdrückten zu stellen, hat er viele von der Auswanderung abgehalten."

Sabbah sei "ein Wendepunkt in jeder Hinsicht" gewesen, sagte der palästinensische Politikwissenschaftler Xavier Abu Eid kürzlich im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Es sei ihm gelungen, nicht nur Katholiken eine Stimme zu verleihen, sondern die christliche Präsenz für alle wiederzubeleben. "Mit seiner Art, sich an die Seite der Unterdrückten zu stellen, hat er viele von der Auswanderung abgehalten".

Beinahe poetisch beschrieb Sabbah zuletzt Jerusalem aus palästinensischer Sicht. Es sei "die Hauptstadt unserer Heimat, die darauf wartet, geboren zu werden", sagte er bei einer Konferenz in Kairo. Auch wenn aus der "Stadt des Friedens" eine "Stadt unseres Schmerzes" geworden sei: Die Hoffnung auf eine Rettung bewahrt sich der Geistliche. Eine Rückkehr zu ihrer Rolle als Stadt des Friedens sei möglich.

Lateinisches Patriarchat von Jerusalem

Das Lateinische Patriarchat von Jerusalem betreut die rund 60.000 bis 70.000 römisch-katholischen Christen im Heiligen Land. Seine Jurisdiktion erstreckt sich über das Staatsgebiet von Israel, Jordanien, Zypern und die Palästinensischen Gebiete. Die Ursprünge des Patriarchats liegen in der Zeit der Kreuzfahrer, die sich als "Lateiner" bezeichneten. Es erlosch jedoch mit dem Fall Akkos 1291. Im Jahr 1847 belebte Papst Pius IX. das Patriarchat neu.

Blick auf Jerusalem / © Kyrylo Glivin (shutterstock)
Quelle:
KNA