Katholischer Filmexperte analysiert Oscar prämierte Filme

"Das Außergewöhnliche gewinnt"

Zum ersten Mal seit langem hat mit "Im Westen nichts Neues" wieder ein deutscher Film bei den Oscars abgeräumt. Welche anderen Filme sehenswert sind und wie die Qualität in diesem Jahr war, erklärt Filmexperte Martin Ostermann.

Gewinner des Oscars für den besten Film für "Everything Everywhere All at Once" im Dolby Theatre Los Angeles / © Jordan Strauss/Invision/AP (dpa)
Gewinner des Oscars für den besten Film für "Everything Everywhere All at Once" im Dolby Theatre Los Angeles / © Jordan Strauss/Invision/AP ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wurden die prämierten Filme zurecht ausgezeichnet?

Martin Ostermann (Filmkommission der Deutschen Bischofskonferenz / Katholische Universität Eichstätt): Es sind schon ganz herausragende Filme, gerade der Film "Everything Everywhere All at once". Er ist besonders, sowohl von der Geschichte als auch von der Machart her, sodass man sagen muss, das Außergewöhnliche gewinnt.

Mit "Im Westen nichts Neues" habe ich erst einmal ein bisschen gefremdelt, weil ich großer Fan des Klassikers bin, finde aber auch, dass es schon eine sehr gute Produktion ist. Die Geschichte ist allemal auch aktuell erzählenswert. Aber es waren insgesamt viele tolle Filme im Feld, die auch eine Auszeichnung verdient hätten.

Alle Gewinner der Oscars 2023

In der Nacht zum 13. März wurden in Hollywood zum 95. mal die Oscars verliehen. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) und das Kinoportal filmdienst.de mit einer Übersicht über alle Sieger:

Oscar-Verleihung 2023 / © John Locher/Invision/AP (dpa)
Oscar-Verleihung 2023 / © John Locher/Invision/AP ( dpa )

DOMRADIO.DE: Welches sind denn die Themen, die Sie überzeugen konnten?

Ostermann: Es gibt zum Beispiel wieder die MeToo-Debatte, woran durchaus angeknüpft wird, zum Beispiel mit dem Film "Tar" oder auch dem Film "Die Aussprache". Aber auch natürlich gesellschaftlich relevante Themen, sozusagen das Oben und das Unten oder das Miteinander. Da wäre jetzt "Triangle of Sadness" zu nennen und "The Banshees of Inisherin" oder überhaupt der Blick auf die Welt durch die Kamera. Da wäre "The Fablemans" von Steven Spielberg zu nennen. Insofern war es eine schwierige Wahl.

Und "Everything Everywhere All in once" bietet sicherlich ein großes Potpourri von Themen. Ist vielleicht ein anderes Leben ein viel besseres und viel erstrebenswertes Leben? Oder wie kann ich Heldin meines eigenen, jetzt gegenwärtigen Lebens werden? Das wäre so eine Frage des Films.

Martin Ostermann, Filmkommission der Deutschen Bischofskonferenz / Katholische Universität Eichstätt

"Spiritualität, im Sinne von expliziter Religion, spielt weniger eine Rolle."

DOMRADIO.DE: Inwiefern spielt Spiritualität und Sinnsuche in diesem Jahr eine Rolle in den Filmen?

Ostermann: Ich denke, Filme erzählen immer davon, dass Menschen auf der Suche sind, sei es ganz praktisch bei Roadmovies, wo Menschen tatsächlich nach einem bestimmten Ziel unterwegs sind oder eben auch als Sinnsuche.

"The Fablemans" wäre auch so ein Film, in dem ein junger Mensch seinen Weg im Leben erst finden muss. Und bei "Tar" wäre es zum Beispiel eine Negativfolie, wo es um Machtmissbrauch und die Zusammenhänge geht, dass man bestimmte Beziehungen auch immer wieder missbrauchen und zu seinem eigenen Nutzen verwenden kann.

Insofern spielt Spiritualität, im Sinne von expliziter Religion weniger eine Rolle.

Selbst im irischen Film "The Banshees of Inisherin" werden eher die Banshees, die Geister sozusagen, angerufen und weniger die explizite Religion. Aber Sinnsuche ist in vielen Filmen Thema.

DOMRADIO.DE: Wenn Sie es mit anderen Jahren vergleichen, war das ein starkes oder ein schwaches Jahr?

Oscar-Verleihung 2023 / © Chris Pizzello/Invision/AP (dpa)
Oscar-Verleihung 2023 / © Chris Pizzello/Invision/AP ( dpa )

Ostermann: Es ist immer schwierig, so etwas pauschal zu benennen. Aber es war insofern ein starkes Jahr, weil es viele sehr gute Filme gab, die miteinander in Konkurrenz traten. Es gab nicht den einen großen Film, der alles andere überstrahlt hat.

"Avatar: The way of Water" ist sicherlich der erfolgreichste Film, der angetreten ist. Aber er hat nicht umsonst nur den Oscar für die besten visuellen Effekte gewonnen. Andere Filme, die großartige Geschichten erzählen, mit ganz toller Inszenierung und tollen Schauspielern, haben letzten Endes die Preise abgeräumt.

DOMRADIO.DE: Werden Sie den ein oder anderen Film mit Ihren Studierenden besprechen?

Ostermann: Ich denke schon auf lange Sicht. Es ist ja immer so, dass man warten muss, bis die Filme für einen verfügbar sind. Aber ich finde, so ein Film wie "The Banshees of Inisherin" oder auch "The Fablemans", letzten Endes auch so ein sehr kontroverser Film wie "Triangle of Sadness" sind auf jeden Fall Filme, die zu Gesprächen anregen, die uns vielleicht auch längerfristig beschäftigen werden als vielleicht der große Preisträger in diesem Jahr.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Quelle:
DR