Er hat schon per Briefwahl abgestimmt, sie wird im Wahllokal ihre Kreuzchen machen. David Sawas ist 18, Margaretha Dobelmann 19 Jahre alt, beide kommen aus Saarbrücken, beide bestimmen zum ersten Mal in ihrem Leben die Zusammensetzung des künftigen Bundestages mit. Beide haben zudem einen katholischen Hintergrund: Margaretha Dobelmann absolviert gerade ihren Bundesfreiwilligendienst in der Jugendkirche "eli.ja" in Saarbrücken, David Sawas macht ein so genanntes Sprachen- und Orientierungsjahr am Felixianum des Bistums Trier.
Jetzt wird David am Sonntag erst einmal als Wahlhelfer im Einsatz sein. Er will etwas zurückgeben aus Dankbarkeit dafür, in einer funktionierenden Demokratie leben zu dürfen. Er verspüre, sagt er, Ehrfurcht vor der Verantwortung, mit seiner Wahl auch den Ton im kommenden Bundestag mitzubestimmen. Margaretha geht unterdessen "schon etwas aufgeregt" in die Stimmabgabe. Sie hat zwar bereits bei der Europawahl im vergangenen Sommer mitgewählt, aber die Bundestagswahl erscheint ihr jetzt doch noch einmal als etwas Besonderes. "Ich fühle mich irgendwie auch klein mit dieser einen Stimme, irgendwie als Teil einer Minderheit."

Womit sie durchaus Recht hat, schließlich beziffert das Statistische Bundesamt die Erstwählerinnen und Erstwähler im Land, also diejenigen, die seit der letzten Bundestagswahl die Volljährigkeit erreicht haben, mit 2,3 Millionen und damit gerade einmal 3,9 Prozent aller Wahlberechtigten.
Mittlerweile ist sich Margaretha "fast sicher", wem sie ihre beiden Stimmen geben will. Die Entscheidung ist ihr aber durchaus schwergefallen. Sie habe sich von allen Seiten von Informationen überflutet gefühlt, meint die junge Frau. Es sei nicht einfach gewesen, sich nicht zu sehr von ihrem persönlichen Umfeld beeinflussen zu lassen und herauszufinden, was denn tatsächlich ihre eigene Meinung ist. Dazu hat sie sich intensiv informiert, indem sie Zusammenfassungen der Parteiprogramme gelesen und den Wahl-O-Mat gemacht hat. Auch David Sawas hat den Wahl-O-Mat konsultiert und das Ergebnis im Freundeskreis besprochen. Für ihn lag die Schwierigkeit bei der Wahl auch darin, dass sich die Programme der einzelnen Parteien in seinen Augen ähnelten. Um für sich herauszufinden, was den entscheidenden Unterschied macht, hat er zum Beispiel auch persönliche Gespräche an Wahlkampfständen geführt.
In der Signatur seiner E-Mails wirbt David Sawas übrigens für die gemeinsame ökumenische Aktion der Kirchen zur Bundestagswahl "Für alle – Mit Herz und Verstand", die Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt in den Mittelpunkt stellt. Christliche Werte wie diese erscheinen ihm umso wichtiger in aktuellen Debatten, als dass er gerade jetzt im Wahlkampf eine negative Veränderung der Sprache beobachtet hat. "Die Sprache ist nicht mehr wirklich von Zusammenhalt geprägt, manchmal hat man auch das Gefühl, dass die Menschenwürde des politischen Gegners nicht wahrgenommen wird", so die Kritik des Erstwählers. Erstwählerin Margaretha hat mit Interesse den Aufruf ihres Bistums Trier wahrgenommen, auf jeden Fall wählen zu gehen und das Stimmrecht klug zu nutzen. Natürlich sei die Kirche zu politischer Neutralität verpflichtet. "Dass sie sich klar gegen Rechtsextremismus ausgesprochen hat, fand ich aber stark." Insgesamt, glaubt die 19-Jährige, spielten im Wahlkampf eher soziale als speziell christliche Werte eine Rolle. In der Asyldebatte hätte sie sich dagegen eine stärkere Orientierung an christlichen Geboten gewünscht. "Ich kann doch als Christ aus Sicht der Nächstenliebe nicht einfach Leute in Kriegsgebiete zurückschicken!"
Mit Blick auf ihre eigene Zukunft ist den beiden jungen Saarbrückern vor allem der Klimaschutz wichtig, der in ihren Augen in der Zeit vor der Wahl eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat. Margaretha treibt auch die Frage um, wie es für sie nach dem Jahr im Bundesfreiwilligendienstweitergehen kann. Ob sie sich mit Bafög ein Studium wird finanzieren können, ob sie es sich finanziell wird leisten können, zu Hause auszuziehen. Mit Themen wie diesen, so ihr Eindruck, sind die Menschen unter 30 eher nicht Zielgruppe der um Wählerstimmen werbenden Parteien.

David Sawas, dem außerdem die weltweite Friedenssicherung ein großes Anliegen ist, fühlt sich als junger Mann von den Politikerinnen und Politikern durchaus ernstgenommen. Auf der anderen Seite, so seine Erfahrung, werde seine Generation immer wieder als unpolitisch kritisiert wird. Er selbst erlebt das im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis ganz anders und zählt nun am Wahlsonntag schließlich auch ehrenamtlich Stimmen aus.
Die weit verbreitete Meinung, die etablierten Parteien sollten sich noch viel stärker auf den sozialen Medien um junge Wählerinnen und Wähler bemühen, teilen Margaretha und David nicht unbedingt. Auf den Social-Media-Kanälen bliebe man ja doch meist in der eigenen Bubble, bekäme ohnehin nur etwas vorgeschlagen, das zum bisher vertretenen Meinungsbild passe, meint die Bundesfreiwilligendienstlerin. David Sawas weist darauf hin, wie unprofessionell Parteien oft auf Instagram, TikTok & Co. auftreten. Für den Ausgang der Wahl wünscht er sich jetzt erst einmal, dass überhaupt eine stabile Koalition zustande kommt. "Und dass man sich trotz dieses hitzigen Wahlkampfes immer noch im Parlament begegnen kann".