Wie wichtig bleibt die eigene Erstkommunion?

"Grundstein für meine Kirchenbindung"

Ob der "Weiße Sonntag" erst 25 oder schon 80 Jahre her ist – in manchen Gemeinden werden die Kommunionkinder von einst regelmäßig eingeladen. Denen, die kommen, bedeutet das viel, weiß Kreisdechant Christoph Bersch.

Lebhafte Gespräche zwischen den Generationen: Eva-Maria Willmes feierte goldenes, Benedikt Grütz silbernes und Heinz Schneider 80-jähriges Kommunionjubiläum / © Beatrice Tomasetti (DR)
Lebhafte Gespräche zwischen den Generationen: Eva-Maria Willmes feierte goldenes, Benedikt Grütz silbernes und Heinz Schneider 80-jähriges Kommunionjubiläum / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Das waren noch Zeiten, als der Pastor im Dorf noch was galt, er wie der Arzt oder Polizist der Inbegriff einer Respektsperson war und seine Autorität über jeden Zweifel erhaben. "Was der Pfarrer sagte, wurde nicht infrage gestellt. Das war mehr noch als das Evangelium, das war Gesetz."

Theresia Mohr stellt in St. Anna eine Kerze auf / © Beatrice Tomasetti (DR)
Theresia Mohr stellt in St. Anna eine Kerze auf / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Wenn sich Theresia Mohr in die 1950er, 60er Jahre zurückdenkt, muss sie selber schmunzeln. Denn zwischen damals und heute liegen Welten – jedenfalls in der katholischen Kirche. In 70 Jahren habe sich viel verändert, sprudelt es aus ihr nur so heraus. "Die Sonntagsmesse war in einer gut katholischen Familie ein absolutes Muss, sie gehörte einfach selbstverständlich mit dazu. Da gab’s keine Diskussionen. Überhaupt: Alles war Pflicht. Auch die regelmäßige Beichte – immer mit Druck verbunden. Und wehe, man saß nicht ordentlich in der Bank." Auch im Religionsunterricht sei es streng zugegangen. "Keine rosigen Zeiten. Da wurde uns die Lehre von einem strafenden Gericht eingebläut."

Trotzdem erzählt die 78-Jährige ihre Anekdoten von früher mit viel Humor. Schaden habe sie nicht genommen, und auf Dechant Werner, den Pastor ihrer Kindheit lasse sie schon gar nichts kommen. "Der Drill kam aus dem Elternhaus, bei sechs Kindern kein Wunder", meint sie. Und irgendwie hätten sie es ja auch nicht anders gekannt. "Wie oft haben wir die Messe im Garten nachgespielt, uns als Hostie gegenseitig eine kleine Bananenscheibe auf die Zunge gelegt. Die Kirche war omnipräsent." Und der Höhepunkt des Jahres sei dann die Anna-Prozession im Juli gewesen. Dafür durfte sie noch einmal ihr Kommunionkleid anziehen. "Allein daran zeigte sich für uns schon die Besonderheit des Tages. Die Feste im Kirchenjahr gaben in einer traditionsverhafteten Erziehung klare Orientierung."

Der Ortsausschuss von St. Anna lädt in jedem Jahre die Kommunionjubilare ein / © Beatrice Tomasetti (DR)
Der Ortsausschuss von St. Anna lädt in jedem Jahre die Kommunionjubilare ein / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Theresia Mohr ist vor 70 Jahren in St. Anna in Belmicke, einem heute 400 Seelen-Dorf in Oberberg zur Erstkommunion gegangen. Es war der 12. April, das weiß sie noch ganz genau. Und erzählen kann sie davon, als wäre es gestern gewesen. Mohr stammt aus Wiedenest, einem Nachbarort. Doch die Wiedenester Kinder aus der Filialkirche St. Maria Königin gingen immer zusammen mit den Belmickern, schließlich war das Diaspora-Gebiet; beide Gemeinden gehören mittlerweile zur Pfarreiengemeinschaft Oberberg Mitte und gehen in einer großen Pastoralen Einheit auf.

Zu ihrer "Jubelkommunion" hat die heute in Dellbrück lebende Seniorin, die dort lange in der kfd engagiert war und allein zehn Jahre bei der Tafel mitgearbeitet hat, Post vom Ortsausschuss St. Anna bekommen – wie etwa 60 andere ehemalige Kommunionkinder auch, die 25, 40, 50, 60 oder sogar 70 und 80  Jahre auf ihren großen Festtag zurückblicken: darunter auch ihr 74-jähriger Bruder Hans-Gerd Menne, der zeitgleich sein 65-jähriges Kommunionjubiläum feiert, ehrenamtlich den Belmicker Heimatverein leitet und über die Jahre so etwas wie ein wandelndes Lexikon zu der Entwicklung dieses idyllischen Dorfes an der Peripherie von Bergneustadt und Dieringhausen geworden ist.

Tim Honermann, Ortsausschuss St Anna Belmicke

"Wir wollen nicht erst aus Anlass eines Todesfalls mit den Menschen in Kontakt kommen, sondern bewusst auch mit den jüngeren zunehmend Kirchenfernstehenden das Gespräch über die Themen Glaube und Kirche suchen."

Der Altarraum von St. Anna in Belmicke / © Beatrice Tomasetti (DR)
Der Altarraum von St. Anna in Belmicke / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Insgesamt 20 Jubilare aller Generationen sind diesmal der Einladung von Tim Honermann und Sabrina Schulte, beide im Ortsauschuss der Gemeinde, zu Kaffee und Kuchen ins Anna-Heim gefolgt. Akribisch stöbern die beiden dazu in jedem Jahr in den alten Kirchenbüchern von St. Anna nach Adressen, was einer detektivischen Feinarbeit gleich kommt. "Mancher Eintrag ist noch in Sütterlin-Schrift, und viele haben natürlich ihren Namen geändert oder sind längst verzogen, so dass wir nicht mehr alle aufspüren können", erklärt der 53-Jährige. Trotzdem unterstützt er diese Initiative nach besten Kräften. "Die Kirche ist bei uns nun mal der Dorfmittelpunkt, und Traditionsbewusstsein wird in Belmicke groß geschrieben", erläutert Honermann zu der Aktion, die 2015 ins Leben gerufen wurde. "Wir wollen nicht erst aus Anlass eines Todesfalls mit den Menschen in Kontakt kommen, sondern bewusst auch mit den jüngeren zunehmend Kirchenfernstehenden das Gespräch über die Themen Glaube und Kirche suchen." Und bei den älteren gehe es um ein Zeichen der Wertschätzung für ihre jahrzehntelange Treue.

Kreisdechant Christoph Bersch sind solche Feiern ein pastorales Anliegen / © Beatrice Tomasetti (DR)
Kreisdechant Christoph Bersch sind solche Feiern ein pastorales Anliegen / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Die Erinnerung an die Erstkommunion zu pflegen – egal in welcher Generation – liegt auch Kreisdechant Christoph Bersch am Herzen. "Dieses Sakrament begleitet uns das ganze Leben und ist für uns Christen Kraftquelle", betont der Seelsorger aus Oberberg, der selbst im kommenden Jahr sein 50-jähriges Kommunionjubiläum feiert und sich schon jetzt darauf freut, bei dieser Gelegenheit Freunde von einst wiederzusehen. "Der Gedanke der Communio ist uns Christen eingestiftet und jeden Sonntag feiern wir diese Gemeinschaft mit Christus neu. Wir kommen zusammen, um die Aufforderungen Jesu beim letzten Abendmahl ‚Tut dies zu meinem Gedächtnis’ zu verlebendigen", unterstreicht Bersch. Der Wert dieses Geschenks der Eucharistie sei geblieben, auch wenn sich die Zeichen der Freundschaft mit Jesus im Laufe von Jahrzehnten verändert hätten.

Christoph Bersch, Kreisdechant in Oberberg

"Auf kein Sakrament bereiten wir in den Gemeinden so intensiv vor wie auf die Erstkommunion. Da tut es gut, es von Zeit zu Zeit auch auf diese Weise wieder in Erinnerung zu bringen."

"Gerade die Menschen in den überschaubaren Einheiten des ländlichen Raumes werden durch solche kleinen, aber für sie bedeutsamen Feiern in ihrem Glauben gestärkt. Auf kein Sakrament bereiten wir in den Gemeinden so intensiv vor wie auf die Erstkommunion. Da tut es gut, es von Zeit zu Zeit auch auf diese Weise wieder in Erinnerung zu bringen." Er sei für solche Initiativen in den Pfarreien "extrem dankbar", weil ihm immer wieder rückgemeldet werde, wie wichtig das dem Einzelnen sei.

Belegt wird das an diesem Nachmittag mit angeregten Gesprächen. Später wird das Treffen mit einer Abendmesse, an deren Ende jeder eine Urkunde bekommt, ausklingen. Viele kennen sich, tauchen ein in die Nostalgie einer Zeitreise und freuen sich spürbar, nach so vielen Jahren altvertraute Gesichter aus der Vergangenheit wiederzusehen. Zum Beispiel Tim Honermanns Tante Annegret, die genau wie Theresia Mohr noch lebhafte Erinnerungen an das Jahr 1953 hat, als sie in der zweiten Klasse von Pfarrer Werner auf die Erstkommunion vorbereitet wurde – auch wenn sie noch heute damit hadert, dass sie nie Messdienerin werden durfte.

"Inzwischen gibt es mehr Mädchen als Jungs am Altar. Damals war das unvorstellbar", urteilt die jetzt 79-Jährige. Das schreckte sie trotzdem nicht ab, eine ganze Reihe an kirchlichen Betätigungsfeldern für sich zu entdecken: Sie wird Mitglied im Kirchenvorstand und später im Pfarrgemeinderat, in der kfd und im Dekanatsrat, meldet sich als Lektorin und Kommunionhelferin. "Ich bin der Kirche treu geblieben", bekennt sie offen. Das Gedenken an die Anfänge ihres kirchlichen Engagements lebendig zu halten, bedeutet ihr viel. Genauso wie Theresia Mohr, die ergänzt: "Der Grundstein für meine Kirchenbindung wurde hier gelegt. Die Erinnerung an meine Erste Heilige Kommunion hat ihren Platz in meinem Leben."

Allen Jubilaren bedeutet das Treffen in Belmicke viel / © Beatrice Tomasetti (DR)
Allen Jubilaren bedeutet das Treffen in Belmicke viel / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Benedikt Grütz, mit seinen 34 Jahren der jüngste Kommunion-Jubilar in der Runde, ehemals Messdiener und seit gefühlten 25 Jahren Krippenbauer in St. Anna, dockt immer wieder punktuell an die Gemeinde an. "In zwei Jahren ist mein Ältester dran; die nächste Generation steht schon wieder bereit", sagt der Vater von drei Kindern, der selbst sein "silbernes" Kommunionjubiläum feiert. In einem Atemzug nennt er Sport, Karneval, Schützenfest und den Anna-Tag. Alles gehöre ja irgendwie zusammen. "Auf dem Dorf spielt sich das Leben eben noch rund um den Kirchturm ab", würdigt Grütz jede Art von Gemeindeinitiative – gerade in Zeiten, in denen Kirche zunehmend an Bedeutung verliere, wie er sagt.

Heinz Schneider, Kommunionjahrgang 1943

"Damals waren die Kirchen bis auf den letzten Platz gefüllt. Da war man froh, wenn man einen Stehplatz ergatterte. Auf der Orgeltribüne waren die Sitze sogar vermietet."

Für Johannes Lehnen aus Bergneustadt-Pernze, mit 89 Jahren der Älteste der Kommunionjubilare, und Heinz Schneider aus Kirchhundem-Flape, 88 Jahre, trifft diese Feststellung nicht zu. Trotz ihres hohen Alters nehmen beide noch regen Anteil an den momentanen innerkirchlichen Debatten, vor allem am synodalen Weg. Lehnen spricht von einer Bindung, die nicht infrage steht. Den Weg sonntags in die Kirche schafft er nicht mehr, doch die Mitfeier per Livestream verpasst er nie. "Ohne die Kirche fehlt etwas. Kirche ist doch Heimat", begründet er mit Nachdruck. Und Schneider, ehemals Religionslehrer in Kirchhundem, ergänzt: "Ich freue mich jeden Sonntag, wenn ich aus der heilige Messe etwas mitnehmen kann." Für ihn undenkbar, sich von Gott und Christus abzukoppeln.

Ein Kommunionjahrgang: Eva-Maria Willmes, Andreas Stahl und Claudia Köster feiern Goldkommunion / © Beatrice Tomasetti (DR)
Ein Kommunionjahrgang: Eva-Maria Willmes, Andreas Stahl und Claudia Köster feiern Goldkommunion / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Mitten im Krieg – 1943 – erlebten die beiden ihre Erstkommunion. Eine Dreiviertelstunde Fußweg von Wiedenest nach Belmicke zur Vorbereitung – so sei das damals eben gewesen, erinnert sich Schneider. Vor 80 Jahren habe außerdem noch das Nüchternheitsgebot gegolten. "Wer dagegen verstieß, riskierte, gesperrt zu werden", erzählt er. Und dass man den Katechismus auswendig lernen musste, natürlich auch Messdiener wurde und in die Liturgie allmählich hineinwuchs. "Die Kirchen waren bis auf den letzten Platz gefüllt. Da war man froh, wenn man einen Stehplatz ergatterte. Auf der Orgeltribüne waren die Sitze sogar vermietet, die Namen in die Bänke eingeritzt, so dass niemand einem den Platz streitig machen konnte." Und unten im Hauptschiff saßen die Frauen und Männer getrennt voneinander.

Dass der Nachwuchs, die jungen Leute, in der Kirche fehlt, schmerzt Schneider, der selbst vier Kinder und sieben Enkel hat, ganz besonders. Auch Lehnen beklagt den "traurigen Zustand". Beim Schwelgen in alten Erinnerungen sind sich beide einig: "Heute kann sich niemand mehr vorstellen, dass das früher einmal ganz anders war und die Kirche zum Leben der Menschen ganz selbstverständlich dazu gehörte."

Autor/in:
Beatrice Tomasetti
Quelle:
DR