DOMRADIO.DE: Der kfd Diözesanverband Münster fordert Mechthild Heils Rücktritt als Bundesvorsitzende. Stehen die Verbände mitten in einer Zerreißprobe? Wie nehmen Sie den Konflikt in der Kirche wahr?

Heinrich Wullhorst (Autor und Kommunikationsberater): Ich glaube, es ist ein Konflikt, der quer durch die Gesellschaft geht und somit auch den kirchlichen Raum berührt. Schwierig wird jede Debatte dann, wenn sie nicht mehr die Sachargumente im Fokus hat, sondern auf der persönlichen Ebene abläuft.
Das stellt man aktuell besonders in den Sozialen Medien fest. Hier wird die Stimmung immer aufgeheizter. Es wird nur noch in Schubladen gedacht und das Trennende wird ins Zentrum gestellt. Wir driften ab in ein Lagerdenken, das an der Sachdebatte vorbeigeht.
DOMRADIO.DE: Blicken wir jetzt auf die katholischen Verbände – es sind ja nicht nur die Frauenverbände, in denen der Streit tobt. Befinden sich die Verbände in einer Zerreißprobe?
Wullhorst: Wenn die Verbände nicht aufpassen, könnte es zu einer Zerreißprobe kommen. Auch deshalb, weil die Polarisierung dort zunimmt. Manchmal hat man auch das Gefühl, dass die politische Linie der Verbandsleitungen im Widerspruch zu einem Großteil der Mitglieder steht.
Bedenklicher finde ich es allerdings, dass das Grundgesetz unter dem Deckmantel einer Demokratiedebatte sehr einseitig gelesen wird. Das betrifft nicht nur die inhaltliche Debatte zum Art. 16a des Grundgesetzes. Das betrifft auch die Rechtsstellung der Abgeordneten nach Art. 38 I Satz 2. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen. Sie haben kein imperatives Mandat und sind auch nicht als Verbandsvertreter in den Bundestag gewählt.
Die Verbände schmücken sich immer sehr gerne mit den MdBs (Mitgliedern des Bundestags, Anm. d. Red.), die sie in ihren Reihen haben. Dann sollten sie ihnen aber auch den Respekt gegenüber ihren Gewissensentscheidungen entgegenbringen. Die Forderung nach Rücktritt, weil man in einem Einzelfall eine andere Meinung vertritt, zeugt von keinem guten Demokratieverständnis.

DOMRADIO.DE: Blicken wir in die Vergangenheit der katholischen Verbände, mit der Sie sich ausführlich beschäftigt haben. Hat es so einen Streit oder gar eine Zerreißprobe schon einmal gegeben?
Wullhorst: Es gab sicherlich ähnlich große Streitthemen beim NATO-Doppelbeschluss und bei der Debatte um die Kernkraft. Auch hier gab es vielfältige Meinungen in den Verbänden. Die Debatten wurden seinerzeit aber eher in den Vorständen, in Diskussionsveranstaltungen vor Ort oder auf Bundestagungen geführt. Dort wurde dann in der Sache auch hart gerungen.
Die Streitlinie verlief auch oft zwischen den Generationen. Da es die Sozialen Medien damals nicht gab, fehlte eine Plattform, mit der die Konflikte in der Öffentlichkeit und im Alltag ausgetragen wurden. Heute begegnet einem der Streit an jeder Ecke, sobald man aufs Handy schaut. Das triggert uns, mal schnell eine Äußerung rauszuhauen, die wir in einer sachlich geprägten Debatte mit einem präsenten Gegenüber noch einmal reflektiert und vielleicht runtergeschluckt hätten.
DOMRADIO.DE: Und wie ist das ausgegangen?
Wullhorst: Es gab zumeist Richtungsentscheidungen in den Gremien der Verbände. Dennoch kam es immer mal wieder dazu, dass ein MdB als Vorsitzender eine verbandliche Linie nicht in der Öffentlichkeit vertreten konnte, weil das im Widerspruch zu seiner politischen Auffassung gestanden hätte. Dann ist für das Thema eben einer der Stellvertreter an die Öffentlichkeit gegangen. Anlass zum Rücktritt war das nicht.
DOMRADIO.DE: Als wie konfliktfähig schätzen sie die katholischen Verbände ein. Können die mit so einem Streit umgehen, ohne auseinanderzufallen?
Wullhorst: Eine schwere Frage: Dazu müssen wir zunächst einmal aufhören, immer gleich aufeinander einzuhacken. Es ist wohlfeil, anderen gleich ihr Christsein oder ihr Katholischsein abzusprechen, wenn eine andere Meinung vertreten wird. Das Zuhören hat in Zeiten Sozialer Medien gelitten. Es wird schnell mal eben draufgehauen. Dabei werden Verletzungen billigend in Kauf genommen.
Wenn wir nicht lernen, wieder auf einer Sachebene zu diskutieren, werden wir uns verlieren. Wir brauchen eine Debattenkultur, die Menschen nicht gleich in Schubladen steckt. Vielleicht müssen die Verbände das mit in ihre Bildungsarbeit aufnehmen. Wir müssen lernen wieder zu streiten nach dem guten alten Motto: suaviter in modo fortiter in re.
DOMRADIO.DE: Wie sehen sie in die Zukunft. Die katholischen Verbände sind ja ohnehin dabei, sich auf die zunehmend säkularisierte Welt einzustellen – auch hier gibt es Nachwuchssorgen – und jetzt dieser Konflikt. Bleibt die katholische Verbandslandschaft trotzdem stabil?
Wullhorst: Hätte ich eine Glaskugel, könnte ich Ihre Frage beantworten. Vieles wird sich da entscheiden, wo man das Gefühl hat, in einem Verband noch beheimatet zu sein. Wenn Meinungsvielfalt nicht mehr funktioniert, werden sich immer weniger Menschen mit den Verbänden identifizieren können. In dem Maße, in dem sich die Verbände zunehmend weniger als Gemeinschaft sondern mehr als politische Vorfeldorganisationen verstehen, wird es schwerer Menschen zu halten und zu gewinnen.
Dabei sind und bleiben die Verbände ein wichtiger Faktor, wenn sie den Menschen weiter eine Heimat geben können. Dazu gehört aber die Offenheit, unterschiedliche Positionen zuzulassen, aber sicher auch eine Klarheit, mit der man sich gegen jeden Extremismus, den von rechts, von links und den religiösen Extremismus stellt.
Das Interview führte Johannes Schröer.
Information der Redaktion: Buchtipp, Heinrich Wullhorst, Leuchtturm oder Kerzenstummel? – Die katholischen Verbände in Deutschland, Gebundene Ausgabe, 190 Seiten, Bonifatius-Verlag 2017.