DOMRADIO.DE: Sie hatten mit 9.000 bis 10.000 Pilgern gerechnet, die heute Vormittag an dem Zug durch die Stadt bis zum Grab des heiligen Willibrord teilnehmen. Ist Ihre Rechnung aufgegangen?
Raoul Scholtes (Vizepräsident des Organisationskommitees der Echternacher Springprozession): Das ist die Zahl in normalen Jahren. Wir hatten jetzt ein bisschen weniger, 7.000 bis 8.000. Aber wenn man bedenkt, dass auch viele ältere Leute teilnehmen, die coronabedingt vieleicht noch ein bisschen vorsichtiger waren, sind wir schon sehr froh. Vor allem, weil ganz viele junge Leute und Schulklassen dabei waren, sind wir froh, dass wir fast wieder auf Vor-Pandemie-Niveau angekommen sind.
DOMRADIO.DE: Mussten Sie noch Corona-Auflagen berücksichtigen?
Scholtes: Nein, hier in Luxemburg sind alle Corona-Auflagen außer im öffentlichen Transport aufgehoben. Und auch die fallen. Wir hatten keine Vorgaben mehr für die Prozession.

DOMRADIO.DE: Was hat es mit dieser besonderen Art der Prozession eigentlich auf sich? Drei Mal vor und zwei Mal zurück springen und man kommt gar nicht vorwärts?
Scholtes: Das ist tatsächlich im Deutschen sprichwörtlich, drei nach vorne und zwei zurück. Aber das hat so nie stattgefunden. Das ist eigentlich immer nur nach vorne gegangen. Man will ja vorwärts kommen. Aber das hat sich irgendwann wahrscheinlich durch falsche Beschreibungen im Laufe der 150 Jahre der Prozession eingebürgert. Das kam von Leuten, die nie hier waren. Aber so war das nie. Wir wollen ja weiterkommen.
DOMRADIO.DE: Wie sieht denn so ein Springen aus?
Scholtes: Das fängt morgens um 09:30 Uhr an, dauert dann je nach Lage, Wetter und Rückstau gut drei Stunden. Die Prozession ist aufgeteilt in rund 40 Gruppen. Das hängt immer davon ab, wie viele Gruppen sich anmelden.
Jede Gruppe hat ihre Musikkapelle und das Ganze wird dann von den Organisatoren zusammengesetzt. Es gibt eine Anzahl Springer vor der Musikkapelle, eine andere dahinter und dann kommt die nächste Gruppe. Die spielen abwechselnd die Musik der Springprozession.
Dann springen erst die geraden Gruppen und dann die ungeraden Gruppen miteinander. Und dann geht es durch die Straßen von Echternach bis zum Grab vom heiligen Willibrord.
DOMRADIO.DE: Die spielen dann alle die gleiche Musik?
Scholtes: Ganz richtig. Es gibt eine ganz klar festgeschriebene Melodie. Die wird den Kapellen auch vorher mit der Auflage zugeschickt, dass das nur für die Springprozession zu benutzen ist. Wir stellen das dann im Vorfeld der Prozession so zusammen, dass die Kombination aus Musikgruppen und Springern nachher aufgeht.
DOMRADIO.DE: Spirituell betrachtet heißt es, dass der ganze Körper ins Beten mit einbezogen wird. Was bewirkt das? Was ist der Unterschied zum Rosenkranz im gediegenen Schritt?

Scholtes: Die Springprozession ist zuerst mal ein religiöses Fest. Aber es ist auch sehr identitätsstiftend für die ganze Region. Es ist eine Tradition. Da haben die Leute von jung bis alt, von regelmäßigen Kirchgängern bis zu Menschen, die mit Religion sonst im Laufe des Jahres keinen Kontakt haben, Freude dran. Das ist etwas vereinendes für die ganze Region.
Sobald man die ersten vier Takte der Melodie hört, ist man sofort wieder drin. Selbst wenn man sie ein ganzes Jahr oder wie jetzt drei Jahre nicht gehört hat. Von klein auf ist man schon mit der Schulklasse gekommen. Das gehört einfach dazu. Ich kann es nicht mal rational beschreiben. Da fehlt jedem etwas, wenn das nicht stattfindet.
DOMRADIO.DE: War das denn nach dieser zweijährigen Corona-Zwangspause jetzt noch mal eine ganz besondere Prozession?
Scholtes: Ja. Man hat den Leuten angemerkt und gehört, wie froh die waren. Das kam von innen.
Ich glaube, Kölner können das nachvollziehen, denn vom Gefühl her ist es wahrscheinlich ein bisschen so, als würde der Karneval ausfallen.
Das Interview führte Uta Vorbrodt.