Ikigai – Sinnsuche auf japanische Art

"Wofür man weitermacht, auch wenn man traurig ist"

In jedem Mai verwandelt sich Düsseldorf in eine Kulisse für japanische Lebensart. Die dortige japanische Gemeinde ist mit 7.000 Menschen die größte in Deutschland. Auch in punkto Sinnsuche boomt das ostasiatische Land.

Autor/in:
Paula Konersmann
Meditation in der Natur / © Patiwat Sariya (shutterstock)
Meditation in der Natur / © Patiwat Sariya ( shutterstock )

Nach freudigen Erinnerungen aus der Kindheit und Kraftquellen im Alltag fragt der Kurztest, aber auch danach, welchen kleinen Beitrag man selbst für eine bessere Welt leisten möchte. Das Ziel der fünfminütigen Einführung ist, neugierig zu machen auf ein Phänomen, das mehr sein will als ein weiterer Sinnsuche-Trend: Ikigai. "iki" ist das japanische Wort für "Leben", "gai" bedeutet so viel wie "Sinn, Ergebnis, Wert".

Sinnsuche boomt

Spätestens seit der Corona-Pandemie boomt die Sinnsuche, beobachtet Klaus Motoki Tonn. Der Entwickler und Coach hat die Lumen GmbH gegründet, die den Ikigai-Test anbietet – und zudem Kurse, Workshops und Informationen rund um das Phänomen. In wenigen Tagen erscheint Tonns Buch über "Das Geheimnis der kleinen Dinge" – ein Titel, der für ihn schon viel über Ikigai auf den Punkt bringt.

So sage man in Japan: Wir haben acht Millionen Götter. "Das bedeutet nicht, acht Millionen Gottheiten, sondern vielmehr: Gott ist überall, und man kann ihn überall finden." Wer mit dieser Haltung durch die Welt gehe, werde offener für sinnerfüllte Momente.

Glück liegt auf der Straße

Besucher drängen sich am Rheinufer beim Japan-Tag. Seit 1983 würdigen die Japaner ihre traditionell guten Beziehungen zu Nordrhein-Westfalen und besonders zur Stadt Düsseldorf mit Japanwochen. / © Bernd Thissen (dpa)
Besucher drängen sich am Rheinufer beim Japan-Tag. Seit 1983 würdigen die Japaner ihre traditionell guten Beziehungen zu Nordrhein-Westfalen und besonders zur Stadt Düsseldorf mit Japanwochen. / © Bernd Thissen ( dpa )

Hierzulande tendierten viele Menschen zu der Vorstellung, den einen "Sinn des Lebens" finden zu wollen, sagt Tonn. Bei Ikigai gehe es eher darum, über verschiedene Quellen zu einem positiven Geisteszustand zu gelangen: "Dazu kann der Spaziergang mit dem Hund gehören, ein nettes Gespräch oder der freundliche Gruß des Nachbarn, der sonst immer grummelig ist." Eine Kursteilnehmerin beschreibt Ikigai online als "das, wofür man weitermacht, auch wenn man traurig ist".

"Was unser Leben lebenswert macht"

Als Mutter des Konzepts gilt Mieko Kamiya (1915-1979), eine japanische Psychiaterin mit christlichen Wurzeln, die sich intensiv um leprakranke Menschen kümmerte und das Buch veröffentlichte "Was unser Leben lebenswert macht". Obwohl nie in eine andere Sprache übersetzt, wurde daraus ein Bestseller. "Kamiya war darüber erstaunt – und hatte den Eindruck, dass die Menschen glauben, wenn sie dieses Buch lesen, finden sie den Sinn des Lebens", erklärt Tonn mit einem Schmunzeln.

Die Autorin bezog sich unter anderem auf die Werke von Viktor Frankl (1905-1997). Er hatte in seinem Weltbestseller "... trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager" geschildert, wie Menschen an existenziellen Krisen wachsen können. Der Mensch, so Frankls Überzeugung, sei nicht auf Glück angelegt, sondern auf Sinn.

Raum für Brüche

In dieser Vorstellung, das ist auch Tonn wichtig, haben Brüche durchaus ihren Raum. "Bei unseren Kursen versuchen wir eine Atmosphäre zu schaffen, in der jede und jeder sein darf: als human being, nicht als human doing", erklärt er. Ikigai sei eine Einladung, sich selbst zu entdecken, innezuhalten und loszulassen. Am Ende kann auch stehen, vermeintliche Eigenheiten als Kraftquellen oder sogar als Stärke zu betrachten. "Niemand hat eine Persönlichkeitsstruktur wie meine, hat Erfahrungen wie ich gemacht, und niemand hat gefühlt und gedacht, was ich fühlte und dachte", so formulierte es Mieko Kamiya.

Ikigai sei auch deshalb so erfolgreich, weil frühere Orientierungshilfen weggefallen seien, meint Tonn: "Die zehn Gebote gehören nicht mehr zum Mindset junger Menschen." Das Interesse an Sinnfragen wachse jedoch.

Ikigai im westlichen Sinn

Das hierzulande bekannteste Diagramm, um Ikigai bildlich vorstellbar zu machen, stammt indes nicht aus Japan, sondern von einem spanischen Astrologen. Er verbindet darin die vier Fragen: Was kann ich gut?, Was liebe ich?, Was braucht die Welt? und: Womit kann ich Geld verdienen? "Das ist sozusagen eine westliche Interpretation von Ikigai", sagt Tonn. In der Philosophie, die in Japan damit verbunden werde, gehe es nicht um konkrete Zwecke wie das Geldverdienen.

Sinn, das betonen auch Psychologen hierzulande, habe oft weniger mit kurzfristigen Vergnügungen zu tun. "Unsere westliche Welt ist recht individualistisch geprägt", sagt der Psychiater und Psychotherapeut Andreas Hillert. "Auch in der Psychotherapie lautet die Frage häufig: Was sind für mich relevante Werte, was brauche ich, um glücklich zu sein?" Ein Gefühl von Sinn könne jedoch auch entstehen, wenn jemand sich für andere einsetze, Verantwortung übernehme oder an Herausforderungen wachse. In seinem Buch "Stress positiv nutzen" nennt er es als Vorzug des Ikigai-Modells, die eigenen Bedürfnisse mit denen der Gesellschaft abzugleichen.

Gesellschaft auf Konsum ausgerichtet

Die Gesellschaft lade allerdings kaum zu entsprechenden Verhaltensweisen ein, sagte der Umweltpsychologe Marcel Hunecke kürzlich der Zeitschrift "Psychologie Heute". Sie sei vielmehr "auf Konsum ausgerichtet und dabei nicht nur auf materielle Dinge, sondern zunehmend auch auf Erlebnisse wie Urlaube und Fitnesskurse." Es brauche "Reflexions- und Erfahrungsprozesse, um das zu erkennen und selbst anders zu leben".

Als Beispiel nennt Hunecke, dass es einem gut tun könne, bewusst und freiwillig zu verzichten. Wenn jemand erkenne und erfahre, dass er sich besser fühle, wenn er etwa weniger Fleisch esse, könne dies zu tieferer Zufriedenheit beitragen. Für die Sinnsuche kann ein Perspektivwechsel also immer mal wieder hilfreich sein.

Religionen in Japan

In Japan haben immer mehrere religiöse Glaubensformen nebeneinander bestanden. Die wichtigsten sind der Shinto, der sich von der japanischen Urreligion herleitet, und der Buddhismus, der Japan im 5. oder 6. Jahrhundert erreichte. Die meisten Japaner gehören beiden Hauptreligionen gleichzeitig an. Deshalb gilt die religiöse Grundeinstellung der Japaner als synkretistisch. Offizielle Religionsstatistiken listen rund 85 Prozent der Bevölkerung als Buddhisten und zugleich über 90 Prozent als Shintoisten.

Kirchenzeitung des Erzbistums Tokio / © Jan Heysel
Kirchenzeitung des Erzbistums Tokio / © Jan Heysel
Quelle:
KNA