DOMRADIO.DE: Sie sind Sechziger Fan. Entsprechendes Outfit tragen Sie als Anhänger der Löwen auch. Wie fallen Ihre Glückwünsche für den Rivalen, die Bayern, aus?

Rainer Maria Schießler (Pfarrer von St. Maximilian in München): Ganz ehrlich und offen. Das ist wirklich ohne Etikette oder weil man gratulieren muss, sondern weil gerade wir in München das ein Leben lang mitbekommen und gesehen haben, wie dieser Verein groß geworden ist. Was für ein unglaubliches Energiemanagement! Allein die Krisen, die der Verein überwunden hat. Wenn man das miterlebt hat, weiß man, was da für eine Leistung abgeliefert wurde. Die haben sich das echt verdient, wo sie jetzt sind.
DOMRADIO.DE: Wie ist Ihr Bezug zum FC Bayern?
Schießler: Von der Kindheit her gab es keinen Bezug. Ich bin in einer Arbeitersiedlung groß geworden, 1960 geboren. Das heißt, ich war sechs Jahre alt, als meine Löwen ihren einzigen deutschen Meistertitel errungen haben. Da war alles blau. Wenn da jemand gesagt hätte, dass er zu den Roten geht, hätte man ihn für verrückt erklärt. Da begannen erst diese ganzen Entwicklungen.
Für mich ist das wie mit der Religion. Wir werden in eine Konfession hineingeboren und hier wird man eben in eine Vereinszugehörigkeit hineingeboren. Man identifiziert sich damit, aber hat die anderen nicht unbeobachtet gelassen. So hat man dann auch gesehen, dass die Bayern uns rechts und links überholen.
DOMRADIO.DE: Sie haben Philipp Lahm getraut.
Schießler: Es war schön. Ich habe von seinem Wedding-Manager einen Anruf bekommen, ob ich Lust hätte, das zu tun. Da hatte ich geantwortet: Was heißt hier Lust? Das ist wohl eine rhetorische Frage. Natürlich! Da geht es nicht um Rot und Blau. Das ist ja die Lichtgestalt des deutschen Fußballs - bis heute - und wenn du diese Ehre hast, machst du das gerne.
Noch viel wichtiger war aber, dass ich seine Familie kennengelernt habe und bis heute mit denen in Kontakt bin. Es ist wie wenn du ganz normale Menschen triffst. Wenn jemand, der einen Pokal nach dem anderen in die Höhe hält, einen sportlichen Erfolg nach dem anderen verzeichnet, so zurückgezogen, so bescheiden, so ehrlich, so anständig, so humorvoll ist, das bewegt mich viel mehr als wenn ich jetzt ein Superstar von mir sitzen hätte.

DOMRADIO.DE: Sie bedauern, dass es in der Münchner Arena keine Kapelle gibt wie zum Beispiel in Berlin, in Frankfurt, auf Schalke, selbst in Wolfsburg. Eine Kirche an einem eher ungewöhnlichen Ort. Warum wäre das für Sie aber doch passend?
Schießler: Keine Kapelle in einem Stadion im katholischen Bayern? Ich habe zum ersten Mal von Schalke gehört, dass es diese Kapelle im Stadion gibt. Wir haben in München eine Flughafenkapelle. Wir haben an den eigenartigsten Orten Kapellen und Privatkapellen, die sich Menschen auf Bauernhöfen hinstellen. Warum gibt es da nicht einen Andachtsraum im Fußballstadion? Es ist ja ein Ort der Gemeinschaft. Dort passieren auch Dinge, die einen bewegen, dass zum Beispiel jemand im Stadion an einem Herzinfarkt oder etwas anderem stirbt.
Dann denke ich an die Trauerfeier von Franz Beckenbauer. Irgendwie gehört das zum Zusammenleben. Da kommt eine Communio zusammen für ein Fußballspiel. Warum sollte das also nicht sein? Jetzt bin ich auch persönlich betroffen, weil ich im Mai die ehrenvolle Aufgabe habe ein Kind zu taufen. Das war kaum auf der Welt, da war es schon Bayernmitglied. Dessen Opa ist Bayernmitglied Nummer Eins. Wenn der die Möglichkeit hätte, dass wir sein Enkelkind in der Bayernkapelle taufen, das wäre dem fünf Mal soviel wert und wird ihn noch stolzer machen.
Deswegen habe ich mir gedacht, dass ein Andachtsraum oder eine Kappelle in dieser 'wunderschönen' Arena - den Schwimmreifen nennen wir sie eher in München - fehlt.
DOMRADIO.DE: Was müsste passieren, damit es in der Münchner Arena eine Kapelle gibt? Wer müsste da den Anstoß geben?
Schießler: Der Besitzer der Arena, der FC Bayern. Die können uns jederzeit einen Andachtsraum machen. Dann kommt es darauf an, welchen Stellenwert und welche Einstufung der Raum bekommt. Ist es nur ein Andachtsraum zum Besinnen oder soll es eine Kapelle werden? Soll es mit Tabernakel sein? Soll man darin Eucharistie feiern?
Das geht dann als Anregung an das Ordinariat des Erzbistums. Die genehmigen das und dann wird es eingeweiht. Wenn es ein wirklicher Gottesdienstraum mit Tabernakel wird, dann kommt auch der Erzbischof. Ich bin überzeugt, dass unser Kardinal das sofort machen wird.
DOMRADIO.DE: Und Sie geben jetzt den Anstoß vom Stadtpfarrer zum Stadionpfarrer?
Schießler: Ich gebe das gerne als Anstoß. Wenn der hochgeschätzte FC Bayern meinen Anstoß annimmt, dann bin ich dafür dankbar. Ich würde es eine gute Idee finden, sich zum Jubiläum ein ganz besonderes Geschenk zu machen.
DOMRADIO.DE: So eine Stadionkapelle wäre auch die Chance, Kirche den Menschen noch näher zu bringen. Einfach wirklich dahin zu gehen, wo ganz viele unterschiedliche Menschen sind.
Schießler: Nicht nur das, sondern auch diese Verbindung von Sport und Glaube. Ich habe es in meinem Fußballbuch so beschrieben, dass es ja bei beidem darum geht, dass wir in Gott immer einen Neuanfang bekommen. Das Spiel ist aus und dann kommt das neue Spiel. In Gott dürfen wir wissen, dass wir, wenn unser Leben aus ist, einen neuen Anfang haben. Vielleicht können wir in unserem Glauben vom Sport, dieses Lockere, dieses Leichte etwas für uns übernehmen.
Das Interview führte Carsten Döpp.