An die Winternächte auf einer dünnen Unterlage in der Fußgängerzone oder einem Hauseingang hat sich Jürgen Schneider nie gewöhnt: "Das bleibt unangenehm. Es gibt Menschen, die können das besser ab", erzählt er. Und weil er nie Alkohol getrunken habe, sei es noch unangenehmer gewesen, fügt er hinzu. Viele betäuben sich, um das auszuhalten.
Seit er 18 Jahre alt war, lebte Jürgen Schneider auf der Straße. Ob man das "wohnungslos" oder "obdachlos" nennt, hält er für einen Expertenstreit: "Wenn du nichts hast, wo du wohnst, ist es egal, wie es heißt", sagt er. Aber er habe es sich so ausgesucht, betont er immer wieder: Geboren in Hilden und in Solingen ausgewachsen, lief es in der Familie nicht gut. Als Jugendlicher kam er ins Heim, die Bäckerlehre nach der Schule brach er ab. Danach entschied er sich für das Leben auf der Straße, weil er unabhängig sein wollte. "Mich hat immer gestört, dass alle an meinem Leben herumoperieren wollen", erzählt er. Dass er fast 40 Jahre lang umherziehen würde, hatte er nicht geplant. "Ich sage immer: Das war eine Lebensphase. Die hat bei mir nur länger gedauert."
Soziales Engagement auf der Straße
Bereut hat der heute 61-Jährige das nie: "Das war keine schlimme Zeit." Er habe tolle Menschen und interessante Orte kennengelernt. Und er fing an, sich sozial und politisch zu engagieren: Zunächst ging er in den 1990er Jahren auf Einladung in Schulen und Kirchengemeinden, um von seinem Leben zu erzählen. 2012 gründete er das Armutsnetzwerk und 2016 die Wohnungslosentreffen mit. Er ist Mitglied im Koordinierungskreis der Nationalen Armutskonferenz (nak) und hat zahlreiche Vorträge an Hochschulen gehalten und Beiträge zu den Themen Wohnungslosigkeit und Armut verfasst.

Dass er für diese jahrzehntelange Interessenvertretung von Menschen mit Armutserfahrung und Wohnungslosigkeit dafür jetzt das Bundesverdienstkreuz bekommt, macht ihn stolz. Doch ganz so hoch hängen will er es auch nicht, er fürchtet Neider, sagt er: Die, die jetzt behaupten, er habe das alles nur der Auszeichnung wegen gemacht. Dabei sei seine Motivation immer gewesen, Menschen zu vernetzen und zu informieren: "Ich weiß, was gebraucht wird und von meiner Erfahrung können viele profitieren."
"Gesicht der Armutsbewegung"
Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch nannte ihn bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes in Dinklage, wo Schneider derzeit gemeldet ist, ein "wichtiges Gesicht der Armutsbewegung in Deutschland". "Wir sehen darin das wichtige bundespolitische Zeichen, dass Armut nicht einfach hinzunehmen ist, sondern aktives gemeinsames Engagement dagegen dringend notwendig ist", so Schuch weiter. Er stehe stellvertretend dafür, dass Menschen in Armutslagen ihre Stimme erheben und sich für eine gerechte Gesellschaft engagieren.
Jürgen Schneider ist ein politischer Mensch. Dass der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht nicht veröffentlicht wurde, ärgert ihn. Mit dieser Erhebung untersucht die Regierung seit 2001 regelmäßig, wie es um Chancengleichheit, Verteilungsgerechtigkeit und den sozialen Zusammenhalt in Deutschland bestellt ist, doch dazu kam es in den Wirren des vorzeitigen Ampel-Aus nicht mehr.
Und auch die im Wahlkampf und während der Koalitionsverhandlungen immer wieder befeuerten Debatten um die vermeintlich arbeitsunwilligen Bürgergeld-Empfänger empören ihn: "Das mag bei manchen so sein", so Schneider, aber eine pauschale Aburteilung als Sozialschmarotzer findet er ungerecht. Überforderung, Krankheit, fehlende Qualifizierung: Es gebe viele Gründe, warum Menschen in der Langzeitarbeitslosigkeit feststeckten. "Aber sie niederzumachen, motiviert überhaupt nicht", sagt er. "Manchmal frage ich mich: Sind diese Politiker Menschen oder Scharfrichter?"
Mit dem Bundesverdienstkreuz beginnt für den 61-Jährigen auch eine neue Lebensphase, nach über 40 Jahren ist es jetzt vorbei mit der Obdachlosigkeit: In Dinklage hat er etwas in Aussicht, "für den Übergang, wo man bleiben kann", sagt er. Mehr will er noch nicht verraten. Jetzt wolle er ein bisschen Normalität für sein Leben, aber mit dem Alter habe das nichts zu tun, betont er. Und seinen Themen Wohnungslosigkeit, Hilfe und Vernetzung für Betroffene bleibt er treu. Nur jetzt eben mit einem Dach über dem Kopf. "Jetzt werde ich am Ende vielleicht doch noch so ein richtiger Spießbürger", sagt er und lacht.