Stadt Hanau streitet über die Gedenkkultur zum Anschlag von 2020

Kritik an Gürbüz' Rede

Nach der Gedenkfeier zum fünften Jahrestag des Hanau-Anschlags entbrannte ein Streit über die Form des Erinnerns. Wegen der Rede einer Opfer-Mutter will die Stadtkoalition solche Gedenkveranstaltungen nicht mehr.

Gedenken an die Anschlagsopfer von Hanau (Archiv) / © Boris Roessler/dpa-POOL (KNA)
Gedenken an die Anschlagsopfer von Hanau (Archiv) / © Boris Roessler/dpa-POOL ( (Link ist extern)KNA )

Bei der Feier im Kongresszentrum am vergangenen Mittwoch hatten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU), Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) und vier Angehörige von Opfern vor zahlreichen Gästen gesprochen.

Gedenken an die Opfer von Hanau / © Boris Roessler (dpa)

Am 19. Februar 2020 hatte ein 43-jähriger Hanauer acht junge Männer und eine junge Frau aus rassistischen Gründen erschossen, anschließend tötete er seine Mutter und sich selbst. Emis Gürbüz hatte ihre Rede auf der Gedenkfeier mit den Worten begonnen: "Dieses Ereignis ist ein Schandfleck in der Geschichte Hanaus und auch Deutschlands. Deutschland und Hanau schulden mir ein Leben." Seit 40 Jahren geschähen rassistische Morde in Deutschland, ohne dass etwas wirksam dagegen unternommen worden sei. Die Stadt Hanau sei am Tod der neun Ermordeten schuldig. "Es hätte keine Fehler geben dürfen, ich akzeptiere keine Entschuldigung", sagte Gürbüz.

Kritik an Frau Gürbüz’ Rede

"Bei allem Verständnis für die Trauer über den Verlust ihres Sohnes, was Frau Gürbüz von der Stadt Hanau, dem Land Hessen und der Bundesrepublik Deutschland an Respekt und Achtung einfordert, muss sie auch gegenüber Bund, Land, Stadt sowie den anderen Opferfamilien aufbringen", sagte der Vorsitzende der Hanauer FDP-Fraktion, Henrik Statz, laut einer Mitteilung von Freitagabend. Die Rede sei eine Ohrfeige für alle Familien, die trotz ihrer Trauer wieder zurück ins Leben finden wollten, den Blick in die Zukunft richteten und sich engagierten, damit Hass und Hetze in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. "Frau Gürbüz hat mit ihren Aussagen am 19. Februar leider genau das Gegenteil betrieben. Sie hat die Gedenkveranstaltung missbraucht, um rückwärtsgewandt zu spalten und die schreckliche Tat zu instrumentalisieren", sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende Pascal Reddig.

Die antirassistische Initiative 19. Februar Hanau, die Angehörige der Opfer unterstützt, reagierte am Samstag auf die Mitteilung der Stadtkoalition: "Wir sind entsetzt und enttäuscht, dass die Worte einer Betroffenen zum Anlass genommen werden, über die Erinnerung an den rassistisch motivierten Anschlag von Hanau zu entscheiden", hieß es auf Instagram. Jede Familie gehe unterschiedlich mit Verlust, Trauer und Schmerz um. "Mitten in diesem Schmerz, zwei Tage nach dem Jahrestag, ist es unangemessen und verletzend, auf diese Weise behandelt zu werden."

19. Februar 2020: Anschlag in Hanau

Am Abend des 19. Februar 2020 erschoss der 43-jährige Tobias R. an mehreren Tatorten in Hanau innerhalb von sechs Minuten neun Frauen und Männer: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Er handelte aus rassistischen Motiven.

Gemälde erinnert an die Opfer von Hanau / © Andreas Arnold (dpa)