Trauer um Historiker Thomas Großbölting

Unfall auf der Reise nach Köln

Der renommierte Theologe und Historiker Thomas Großbölting ist am Dienstag bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Großbölting war maßgeblich an etlichen Studien zur Aufarbeitung sexueller Gewalt in den Kirchen beteiligt.

Prof. Thomas Großbölting / © Lars Berg (KNA)

Wie die Universität Hamburg am Mittwochabend (Link ist extern)in einem Nachruf mitteilte, sei Großbölting unter tragischen Umständen ums Leben gekommen: "Prof. Dr. Thomas Großbölting war eine prägende Persönlichkeit im Bereich der Neueren Geschichtswissenschaften", so der Präsident der Universität Hamburg, Hauke Heekeren. "Sein Engagement für Forschung und Lehre war beispielhaft und inspirierte Studierende sowie Kolleginnen und Kollegen. Neben seinen akademischen Leistungen wird er vor allem als geschätzter Kollege und Mensch in Erinnerung bleiben." Nach einem (Link ist extern)Bericht der Rheinischen Post sei Großbölting bei einem Zugunglück bei Hamburg gestorben. Medienberichten zufolge war er auf dem Weg zu einem Vortrag in Köln.

Professor in Münster und Hamburg

Thomas Großbölting war Professor für Neuere Geschichte/Zeitgeschichte im Arbeitsbereich Deutsche Geschichte der Universität Hamburg und Direktor an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH). Zudem war er seit Ende 2022 geschäftsführender Direktor der Akademie der Weltreligionen und setzte sich für den interreligiösen Dialog in der Stadt Hamburg ein.

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Trauer um Historiker Thomas Großbölting

Zuvor war er von 2009 bis 2020 Professor für Neuere und Neuste Geschichte am Historischen Seminar der WWU Münster. Nach Studien in Köln, Bonn und Rom hat er in Münster ein Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in den Fächern Geschichte, katholische Theologie und Germanistik abgeschlossen.

Gesprächspartner für religiöse Themen

Nach einer Vertretungsprofessur am Institut für Geschichte der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg leitete er von 2005 bis 2007 die Abteilung Bildung und Forschung bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (Berlin). 2007 wurde er zum Professor für Geschichte der Neuzeit an die OvG-Universität Magdeburg berufen.

Seine Publikationen und seine Lehrtätigkeit umfassen verschiedenste Gebiete der deutschen und der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Er befasste sich mit der Geschichte des religiösen Wandels im Nachkriegsdeutschland und mit den Ausprägungen der DDR-Erinnerung im wiedervereinigten Deutschland. Darüber hinaus war er immer wieder gefragter Ansprech- und Gesprächspartner für Medien und Gesellschaft zu Themen wie der Vergangenheitsaufarbeitung, der religiösen Geschichte Deutschlands und als Gutachter aktiv.

Zuletzt war Großbölting beteiligt an einer Studie zu Missbrauchsvorwürfen gegen den früheren Essener Kardinal Franz Hengsbach.

"Leidenschaft für unangenehme Themen"

Die Dekanin der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Hamburg, Silke Segler-Meßner, sagte: "Im Gespräch konnte Thomas Großbölting Studierende und Kolleginnen und Kollegen gleichermaßen begeistern und mitreißen." Auch habe er eine Leidenschaft für bisweilen unangenehme Themen der Neueren Geschichte gehabt.

Der katholische Bischof von Münster, Felix Genn, zeigte sich "tief erschüttert". Die Aufarbeitung, mit der das Bistum Münster Großbölting 2019 beauftragt habe, sei für ihn kein Forschungsprojekt wir jedes andere gewesen. "Bei jeder Begegnung mit ihm spürte ich, wie sehr das, was Priester und andere Mitarbeitende der katholischen Kirche Menschen durch sexuellen Missbrauch und seine Vertuschung angetan haben, ihn auch persönlich mitnahm, anrührte und zu Recht zornig machte." Das Mitglied der Unabhängigen Aufarbeitungskommission für das Bistum Münster habe es sich zur Lebensaufgabe gemacht, "sich mit unfassbar großem Engagement für die Betroffenen sexuellen Missbrauchs einzusetzen".

"Positive religiöse Sozialisation" erlebt

Mehrmals war der überzeugte Christ und Katholik auch in der DOMRADIO.DE-Redaktion zu Gast, unter anderem im Jahr 2022, als er im Interview die Ergebnisse der Münsteraner Missbrauchsstudie vorstellte, die er als Historiker federführend begleitet hatte.

Großbölting sprach davon, dass er in seiner Kindheit und Jugend eine "positive religiöse Sozialisation" erlebt habe und ihn die Ergebnisse der Missbrauchsstudien der vergangenen Jahre auch selbst ins Nachdenken brächten: "Das erscheint nun in einem neuen Licht und nicht in einem guten Licht, sondern absolut doppelbödig."

Thomas Großbölting (55) hinterlässt eine Frau und vier Kinder.

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