Die Fasten-Schummelei der Christen im Mittelalter

Köstliche Täuschung

Es gab kein Fleisch, keine Eier, keine Milch. Die Christen, die im Mittelalter gefastet haben, mussten auf viel verzichten. Leer war der Tisch trotzdem nicht. Es gab Spiegelei ohne Ei, Herrgottsbescheißerle oder Fisch mit vier Beinen.

Autor/in:
Jasmin Lobert
Wild hat man früher in der Fastenzeit kurzerhand zum Fisch erklärt / © kerk27 (shutterstock)

Die mittelalterliche Fastentafel war reich gedeckt. "Die Vorgabe war der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel und nicht der Verzicht auf das Sattwerden", sagt Claudia Zimmermann. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich die Nürnbergerin in ihrer Freizeit mit der spätmittelalterlichen Küche in Süddeutschland und studiert mittlerweile interdisziplinäre Mittelalterstudien in Bamberg.

Claudia Zimmermann / © Privat
Claudia Zimmermann / © Privat

Auf ihrer Suche nach neuen Rezepten stößt Zimmermann immer wieder auf Fastengerichte. "Es gibt Kochbücher, in denen die Hälfte der Rezepte Fastengerichte sind." Diese Fülle an Rezepten lässt sich leicht erklären: Neben den 40 Tagen vor Ostern gab es die Fastenzeit vor Weihnachten. Dazu kam das regelmäßige Freitagsfasten. "Das heißt, es sind insgesamt nur noch 230 Tage übrig, an denen man Fleisch essen konnte. Wenn man auch noch den Mittwoch dazu nimmt, dann haben wir nur noch 180 Tage", sagt Zimmermann. Denn ursprünglich wurde im Christentum an zwei festen Tagen in der Woche gefastet: am Freitag, um an den Tod Jesu zu erinnern und am Mittwoch, zum Gedenken an Judas Verrat an Jesus. 

Mittelalterliche Fastenrezepte

Oftmals versuchen die Fastenrezepte, Fleisch- und Eierspeisen zu imitieren, so Zimmermann. In einem Kochbuch aus dem Jahr 1460 findet sich beispielsweise ein Rezept für ein Spiegelei ohne Ei: "Um Eier in Schmalz in der Fastenzeit zu machen, nimm geschälte Mandeln und stoße sie in einem Mörser und leg etwas Weißbrot dazu und mache daraus kleine Scheiben und färbe sie. Das Ganze lege auf ein Brot in die Mitte, lege es dann in eine Pfanne und gieß Öl dazu und backe es."

Kochbuch aus dem Mittelalter / © Privat
Kochbuch aus dem Mittelalter / © Privat

Grundsätzlich spielt die Mandel, besonders in Form von Mandelmilch, eine große Rolle in der mittelalterlichen Kochbuchliteratur. "Es gibt Mandelmilch, die zum Beispiel mit Wein angesetzt wird oder auch mit Ziegenmilch. Es geht dann am Ende um die Konsistenz und den Geschmack, der dabei rauskommt", sagt Zimmermann. Viele Leute seien überrascht, wenn sie das erzählt. Die meisten wissen nicht, dass die Mandel auch in Europa gewachsen ist. 

Fastenregeln umgehen

Allerdings gab es auch Christen, die die mittelalterlichen Fastenregeln nicht ganz so genau genommen haben, sagt der Theologe und Brauchtumsexperte Manfred Becker-Huberti. Sie wurden kreativ, um die "Buchstaben des Gesetzes zu halten und die Regeln trotzdem zu brechen." Becker-Huberti nennt zum Beispiel die Maultaschen, die auch als "Herrgottsbescheißerle" bekannt sind. 

Manfred Becker-Huberti / © Harald Oppitz (KNA)

Der Legende nach sollen Mönche gehacktes Fleisch im Nudelteig versteckt haben, damit sie es trotz Fastenzeit essen konnten. Ein weiterer Trick war es, gejagtes Wild in einen See oder Bach zu tauchen, um es zum Fisch zu erklären. Denn Fische war in der Fastenzeit erlaubt, so Becker-Huberti. Mit dieser Begründung landeten auch Wasservögel oder Biber auf dem Tisch.

Eine andere Art der Zubereitung

Wenn Zimmermann gefragt wird, wie das Mittelalter schmeckt, vergleicht sie es immer mit einer einheimischen Küche aus einem fremden Land. Die Kochtechniken sind ganz anders, als wir sie heute kennen. Viele Gerichte sind auf Keramiktöpfe ausgelegt, die den ganzen Tag im Feuer stehen. "Dann verändern sich Konsistenzen. Es geht Flüssigkeit verloren. Die Viskosität verändert sich", sagt sie. Auch der Geschmack von Rauch ist charakteristisch für die mittelalterliche Küche.  

Wer noch mehr über das Thema Fasten im Spätmittelalter wissen möchte, kann in der Karwoche am 16. April die (Link ist extern)Zeitreise-Kirchenführung "Von Fasten und Feiertagen" von Claudia Zimmermann in der Kirche Sankt Sebald in Nürnberg besuchen. Bei der Führung wird es einen gedeckten Esstisch geben, den die Besucherinnen und Besucher entdecken können. 

Quelle:
DR

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