Erfolg für neue Kirche im Streit um Kiewer Höhlenkloster

Kampf um Weltkulturerbe im Schatten des Krieges

Zwei konkurrierende orthodoxe Kirchen sollen sich das Kiewer Höhlenkloster teilen. Die ukrainische Regierung will die Hauptkathedrale der jüngeren übergeben. Der älteren droht gar ein Verbot wegen Nähe zu Russland.

Autor/in:
Oliver Hinz
Höhlenkloster in Kiew (Archiv) / © Sergey Korovayny (KNA)
Höhlenkloster in Kiew (Archiv) / © Sergey Korovayny ( KNA )

Im orthodoxen Kirchenstreit in der Ukraine um das weltbekannte Kiewer Höhlenkloster zeichnet sich eine Lösung ab. Kulturminister Olexandr Tkatschenko will den wichtigsten Sakralbau und ein weiteres Gotteshaus der sogenannten Oberen Lawra der erst vor vier Jahren gegründeten Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) zur Nutzung überlassen.

Die konkurrierende Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK), die wegen Kollaboration einiger Geistlicher mit Russland in der Kritik steht, soll anscheinend die Anlage Untere Lawra behalten - zumindest vorerst.

Das "Heilige Feuer" aus Jerusalem am im Kiewer Höhlenkloster Petscherska Lawra, Hauptsitz der ukrainisch-orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats / © Sergey Korovayny (KNA)
Das "Heilige Feuer" aus Jerusalem am im Kiewer Höhlenkloster Petscherska Lawra, Hauptsitz der ukrainisch-orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchats / © Sergey Korovayny ( KNA )

Minister Tkatschenko teilte am Donnerstag mit, die zuständige Kommission habe ihre am Montag begonnene Arbeit für die Rückgabe der Mariä-Entschlafens-Kathedrale und der neben ihr stehenden Refektoriumskirche durch die UOK an den Staat abgeschlossen.

Zwar sei der Abt des Klosters, Metropolit Pawlo, der letzten Sitzung der Kommission ferngeblieben und habe somit auch nicht der Rückgabe per Unterschrift zugestimmt. Das stelle aber kein Hindernis dar, schrieb der Politiker auf Facebook.

Nationales Heiligtum

Das Höhlenkloster sei ein nationales Heiligtum und müsse "dem ganzen ukrainischen Volk dienen; diesem Prinzip werden wir in Zukunft folgen", so Tkatschenko. Er hatte Ende Dezember der UOK, die bis zu ihrer Loslösung im Mai dem Moskauer Patriarchat unterstand, einen schweren Schlag versetzt. Auf seine Initiative verlängerte die zuständige Behörde ihren bis Ende 2022 laufenden Pachtvertrag mit der UOK für die Kathedrale und die Refektoriumskirche nicht.

Höhlenkloster in Kiew / © meunierd (shutterstock)

Seit 1. Januar hat die UOK keinen Zugang mehr zu beiden Gotteshäusern. Zum orthodoxen Weihnachtsfest am Samstag wird nun erstmals das Oberhaupt der neuen OKU, Metropolit Epiphanius, einen Gottesdienst in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale feiern. Die Kirche bat nach eigenen Angaben das Kulturministerium um Erlaubnis für eine Weihnachtsmesse in der Hauptkirche des Klosters und bekam Grünes Licht. Sie hofft schon lange darauf, dass sie mit dem Höhlenkloster das Wahrzeichen Kiews erhält.

Streit um Kathedrale

Die UOK hält den Entzug ihrer Kathedrale für illegal. Laut einem Beschluss der Regierung gälten während des Kriegsrechts endende Pachtverträge für staatliches und kommunales Eigentum eigentlich bis vier Monate nach Ende des Kriegsrechts fort, erklärte sie.

Der frühere Staatspräsident Petro Poroschenko begrüßte hingegen die Erlaubnis für eine Messe der OKU in dem bedeutenden Gotteshaus. "Die Lawra ist unser Nationalheiligtum; sie sollte das geistliche Zentrum der ukrainischen Kirche sein und nicht ein Provinzzentrum der pseudoreligiösen Struktur des Aggressorlandes", schrieb er auf Facebook. Der Bürgermeister von Lwiw (Lemberg), Andrij Sadowyj, freute sich auf Twitter: "Die ukrainische Kirche in der ukrainischen, gewissermaßen 'befreiten' Lawra. Alles logisch und gerecht."

Klosterkomplex steht auf der Unesco-Welterbeliste

Der gesamte Klosterkomplex mit rund 100 Gebäuden steht auf der Welterbeliste der UN-Kulturorganisation Unesco und gehört dem Staat. In dem im 11. Jahrhundert gegründeten Kloster wohnen erst seit 1988 - nach Ende der sowjetischen Christenverfolgung - wieder Mönche. Es ist das Hauptheiligtum der UOK. Sie kümmerte sich in den 90er Jahren um den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten Mariä-Entschlafens-Kathedrale, der Hauptkirche des Klosters. Der Staat verpachtete der Kirche hauptsächlich die Untere Lawra am Hang zum Westufer des Dnjepr. Dort gibt es ein mehr als 600 Meter langes Höhlenlabyrinth und weitere Gotteshäuser.

Die Regierung unterstützt die 2018 gegründete OKU und plant auf Weisung von Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj ein Gesetz, das den Weg frei machen soll für ein mögliches Verbot der UOK. Es müsse sichergestellt werden, dass kein von Russland abhängiger Kirchenvertreter die ukrainische Bevölkerung manipuliere.

Razzia im Höhlenkloster

Der nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat hatte im Dezember beschlossen, das Vermögen von Abt Pawlo und anderer Bischöfe der Kirche für fünf Jahre einzufrieren. Die Geistlichen sollen etwa mit russischen Besatzungsbehörden zusammengearbeitet haben. Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU hatte Ende November eine Razzia im Höhlenkloster durchgeführt.

Die UOK protestierte vergangene Woche, der Staat wolle, dass ihre Gläubigen zur OKU übertreten. "Aber in Wirklichkeit treiben die Behörden mit solchen Methoden einen großen Teil der ukrainischen Gesellschaft in den religiösen Untergrund", sagte der Leiter der Rechtsabteilung der UOK, Erzpriester Olexandr Bachow.

Orthodoxe Kirchen in der Ukraine

Rund 70 Prozent der 45 Millionen Ukrainer bekennen sich zum orthodoxen Christentum. Sie gehören allerdings zwei verschiedenen Kirchen an: der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats und der autokephalen (eigenständigen) "Orthodoxen Kirche der Ukraine".

Orthodoxe Kirche der Ukraine / © Sergey Korovayny (KNA)
Orthodoxe Kirche der Ukraine / © Sergey Korovayny ( KNA )
Quelle:
KNA