DOMRADIO.DE: Schwester Rebekka, vor ein paar Jahren haben Sie eine Ausbildung zum Clown absolviert. Seitdem arbeiten sie beim Verein "Kölner Klinikclowns" mit. Wie kommt eine Ordensfrau und studierte Theologin auf eine solche Idee?

Schwester Rebekka Laqua (Monastische Gemeinschaften von Jerusalem in Köln): Genau genommen war es die Idee meiner damaligen Oberin, die mir – nach einer längeren Zeit im Ausland und auf der Suche nach einer passenden Berufstätigkeit in meinem nicht mehr ganz jungen Alter – vorgeschlagen hat, Clown zu werden. Das hat mich sehr überrascht, weil ich persönlich nie an so etwas gedacht und spontan auch kein positives Bild von einem Clown hatte. Als Kind haben mir Clowns mit ihrer großen Pauke und den vielen Leuten im Zirkus eher Angst gemacht.
Trotzdem hege ich eine große Bewunderung für sie, weil sie Lebenskünstler, echte Artisten und oft fantastische Menschen sind. Ich hatte zwar auch schon von Klinik-Clowns oder Kontakt-Clowns – wie sie im Fachjargon heißen – gehört, aber es war mir zunächst dennoch irgendwie unheimlich. Trotz Bedenken bin ich dann aber doch gesprungen und habe mich für einen Schnupperkurs bei einer Clownsschule beworben, der – rückblickend – mein Leben verändert hat.
DOMRADIO.DE: Inwiefern?
Laqua: Ich habe eine Philosophie des Lebens entdeckt, die ich so nicht erwartet hätte und die mich bis heute fasziniert. Eigentlich müsste ich einen solchen Kurs immer wieder machen, weil der Clown so viele Facetten hat und in mir etwas anrührt, was Tiefseetauchen gleich kommt.

Das heißt, ich gelange in Schichten, die mir bislang von mir selbst, aber auch von meinen Mitmenschen unbekannt waren. Dabei geht es vor allem um Gefühle; um die eigenen, aber auch um die von Menschen, die der Clown trifft, und nicht zuletzt auch um die beim Spiel als Duo: mit Worten, aber auch wortlos, mit viel Berührung, viel Bewegung – ich tanze für mein Leben gern, was mir bis dahin gar nicht bewusst war – viel Stille und unglaublich viel Lebensfreude.
Die Begegnung mit Menschen – vor allem mit Menschen, die eine ausgeprägte Demenz haben – hat für mich ganz viel mit Schönheit zu tun, die ich bei dieser Arbeit immer wieder neu entdecke. In dieser Gebrechlichkeit, in dieser Erbärmlichkeit und Traurigkeit, wie sie sich oft in einem gebrochenen Mensch-Sein zeigt, offenbart sich mitunter ein Riss, in dem eine Schönheit aufleuchtet, so dass man hinter dem Sichtbaren das Unsichtbare sieht.
Das kann ein Licht sein, das für einen Bruchteil in einem Auge aufleuchtet, oder das Lächeln in einem Gesicht, das vorher traurig war und vielleicht gar nicht mehr schön ist, weil es das Leben, die Krankheit oder auch eine Behinderung gezeichnet hat. Doch selbst in dieser Hinfälligkeit entdecke ich: Du bist Abbild eines Größeren, Abbild Gottes.
DOMRADIO.DE: Der Clown ist eigentlich ja eine Figur des Scheiterns, der gerade im Karneval sehr beliebt ist. Man glaubt, er sei lustig, weil über ihn gelacht wird, dabei hat er viele Gesichter, auch ein melancholisches oder gar trauriges. Was daran hat Sie gereizt?
Laqua: Vielleicht kommt das mit dem Scheitern daher, dass der Clown ständig ein Problem hat. Für ihn besteht die Welt ununterbrochen aus Problemen, aber für jedes hat der Clown eine Antwort. Das gefällt mir. Das hat etwas mit Anstrengung zu tun, aber auch mit Humor und Leichtigkeit.
Selbst wenn das Leben manchmal grau ist, hat es für den Clown unendlich viele Farbtupfer. Und er ist ein Stehaufmännchen, weil er halt hinfällt, was aber überhaupt nichts macht, weil er immer wieder Lust hat, hinzufallen, um aufzustehen. Und es ist ihm ziemlich egal, ob die Menschen über ihn lachen, weil er auch selber über sich lachen kann.
DOMRADIO.DE: Oft ist es bei solchen Ausbildungen ja so, dass man sich erst einmal mit sich selbst – der eigenen Motivation – auseinandersetzen muss. Welche Voraussetzungen sollte man für eine solche Rolle mitbringen?
Laqua: Vor allem Spielfreude, Spontaneität, Mut, mich sich selbst konfrontiert zu werden und einfach auch mal ganz blöd zu sein, sich zu blamieren. Man muss Menschen mögen und grundsätzlich in Kontakt mit ihnen sein wollen. Als Kontakt-Clown darf man – wie das Wort es ja schon sagt – keinerlei Berührungsängste mit Krankheit, Leid, Traurigkeit oder auch dem physischen Gegenüber bzw. mit Körperlichkeit grundsätzlich haben.

Gerade alte Menschen haben oft ein großes Gefühlsloch. Von daher muss man es mögen, auch mal jemanden in den Arm zu nehmen, zu streicheln und Zärtlichkeit zuzulassen, ohne übergriffig zu werden oder Grenzen zu überschreiten. Dasselbe gilt für Kinder. Außerdem sollte man auch ein bisschen sportlich sein, weil unser Körper bei dieser Arbeit unser wichtigstes Instrument ist. Folglich schadet es nicht, beweglich zu sein.
Und ganz wichtig: Man muss den Augenblick lieben und im Augenblick ganz da sein können. In dem Buch "Ansichten eines Clowns" von Heinrich Böll sagt der Clown, dass er Augenblicke sammle. Dieses "Im-Augenblick-Sein" ist für meine Arbeit ganz wesentlich, auch faszinierend – selbst als Ordensfrau muss ich das immer wieder neu lernen, weil wir in einer schnelllebigen Welt mit vielen Worten und viel Gesang leben. Aber nur so erreiche ich mein Gegenüber und bleibe mit meinem Partner, mit dem ich spiele, "auf Sendung".
DOMRADIO.DE: Was genau lernt man denn bei einer Clowns-Ausbildung?
Laqua: Durchaus auch Technik, zum Beispiel Status-Spielen. Wenn wir als Duo auftreten, ist immer einer der Chef und der andere der dumme August. Das muss man lernen. Diese Rollen können auch wechseln, aber sie müssen ganz klar verteilt sein, denn nur so kann das Publikum oder auch der Einzelne, auf den ich treffe, reagieren. Und man lernt, dass es ein Zug um Zug-Spiel ist, wie wir im Schauspiel sagen: dass eine Aktion abgeschlossen sein muss, bevor die nächste anfängt. Also es geht um eine Art Ping-Pong-Spiel, dass man sich gegenseitig nicht ins Wort fällt, den anderen ausreden lässt. Das ist nicht einfach, und man muss das wirklich wie ein Instrument üben.

Apropos: Man lernt zum Beispiel Zaubern, das Spiel mit Handpuppen, Pantomime und oft eben auch ein Instrument. Außerdem sollte man gerne singen. Der Einsatz von Musik ist gerade bei älteren Menschen oder auch im Krankenhaus auf der Onkologie- und Palliativstation fast wie ein Schlüssel und von daher ganz wichtig. Musik erreicht nochmals eine ganz andere Ebene als das Wort oder die Mimik.
DOMRADIO.DE: Mitten in der Kölner Altstadt leben Sie in einem Konvent und pflegen mit Ihren Mitschwestern auch ein kontemplatives Leben, in dem das Gebet eine große Bedeutung einnimmt. Wenn Sie als Klinik-Clown in Einrichtungen auftreten, müssen Sie aus sich herausgehen. Ist das für Sie ein Widerspruch oder mehr eine folgerichtige Ergänzung?
Laqua: Weder noch. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich bewusst aus mir herausgehe, wenn ich Clown bin, oder in mich hineinkrieche, wenn ich mein Gebetsleben pflege. Das bin immer ich: als Ordensschwester und als Clown. Beides hat für mich mit Leben und mit Lebensfreude zu tun. Und ich finde es überraschend schön, dass das überhaupt kein Widerspruch ist. Vom Äußeren sicherlich. Man kann sich nicht vorstellen, wie ich als Clown aussehe, wenn ich in der Kirche mein Stundengebet singe. Und umgekehrt können sich die Bewohner einer Senioreneinrichtung nicht vorstellen, dass ich Ordensschwester bin. Für mich empfinde ich das so, dass beides – Ordensschwester und Clown – ineinander übergehen. Es sind zwei Seiten oder Schichten meines Ich-Seins.
DOMRADIO.DE: Welche Erfahrungen machen Sie als Klinik- bzw. Kontakt-Clown? Um was geht es Ihnen bei dieser Tätigkeit?
Laqua: Was ich tue, bezeichne ich nicht als Auftritt, denn der Clown spielt keine Nummer. Wie gesagt, als Clown lebe ich aus dem Moment. Wenn wir die Tür zu einem Bewohnerzimmer öffnen, bewegt uns etwas – und das wird dann zum Material für unser Spiel. Das heißt, der Augenblick ist enorm wichtig. Anders gesagt, wenn wir als Clown in Kontakt mit Menschen treten, steht die Zeit still.
Ganz oft habe ich das Gefühl, dass gerade Menschen mit starker Demenz mitunter einen Augenblick lang ganz wach sind und sich dann Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart berühren. Das ist ganz banal, aber das ist der Knaller, weil es umwerfend schön und faszinierend ist und eine ganz intensive Lebensqualität hat – für den Menschen, der mein Gegenüber ist, für mich und für uns zusammen, weil es mit einem Mal etwas gibt, was uns verbindet und ich nicht weiß, ob wir in der Gegenwart sind oder nicht auch einen Hauch von Ewigkeit spüren.

Von daher ist das ist eine ganz tiefe spirituelle Erfahrung für mich. Und deshalb sind mein kontemplatives Leben und dieses extrovertierte Clowns-Spiel auch kein Widerspruch. Vielmehr bündelt sich beides in dieser Gegenwartserfahrung, in der wir in einer absoluten Banalität etwas fast Übermenschliches erleben. Das hätte ich nie gedacht, und das ist etwas, was mich überhaupt nicht mehr los lässt. Ich weiß immer noch nicht, was der Clown ist. Ich weiß nur, dass er unendlich wertvoll in der Begegnung mit Menschen ist.
Das Interview führte Beatrice Tomasetti.