Kolping Ukraine kritisiert Trumps Verhandlungen ohne Kiew und Europa

"Putin wird weitermachen"

US-Präsident Trump will mit Russland Friedensgespräche führen, die Ukraine und Europa werden nicht dabei sein. Der Chef des Kolpingwerkes in der Ukraine, Vasyl Savka, warnt vor den Folgen und sorgt sich nicht nur um sein eigenes Land.

Autor/in:
Ina Rottscheidt
Symbolbild Frau vor einem zerstörten Haus in der Ukraine / © Kharaim Pavlo (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Seit rund drei Jahren führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. US-Präsident Trump will jetzt mit Kremlchef Putin über ein Ende verhandeln. Dazu gibt es aktuell Gespräche in den Vereinigten Arabischen Emiraten, zu denen auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reist. Wie wird das von den Ukrainerinnen und Ukrainern aufgenommen?

Vasyl Savka / © Ina Rottscheidt (DR)
Vasyl Savka / © Ina Rottscheidt ( DR )

Vasyl Savka (Vorsitzender des Kolpingwerkes Europa und Geschäftsführer von Kolping Ukraine): Unterschiedlich. Während sich die ukrainische Regierung hoffnungsvoll gibt, ist die Bevölkerung eher skeptisch, weil es den Anschein hat, dass ohne uns und ohne Europa über unsere Köpfe hinweg verhandelt wird. Das ist aus Sicht vieler Ukrainer unfair.

Aber das ist die Art und Weise, wie Trump agiert. Er bezeichnet sich selbst als "Deal-Maker", der mit allen etwas aushandeln will. Von daher verwundert das nicht, aber wir sind im Krieg. Wir schützen und verteidigen unser Territorium und kämpfen für die Freiheit. Ohne uns zu verhandeln, bringt nichts.

DOMRADIO.DE: Es heißt, die USA würden Russland umfassende Zugeständnisse machen: kein NATO-Beitritt für die Ukraine, keine Wiederherstellung der territorialen Integrität, und eine etwaige Nachkriegsordnung werde Washington militärisch auch nicht absichern. Wie sehr besorgt Sie das?

Savka: Was die NATO-Mitgliedschaft angeht, machen wir uns schon lange keine Illusionen mehr. Es war schon vor dem Amtsantritt klar, dass wir wegen des Einspruchs einiger europäischer Länder auch perspektivisch kein Mitglied werden, aber wir sind besorgt, wenn ohne uns verhandelt wird und wir keine Sicherheitsgarantien bekommen. Auch bei einem Friedensschluss wäre es nur eine Frage der Zeit, bis Russland erneut angreift. Darüber müssen sich die europäischen Staats- und Regierungschefs klar sein.

Vasyl Savka

"Europa muss mehr Stärke zeigen, mit oder ohne die USA."

Von daher müssten wir Trump eigentlich sogar dankbar sein, weil er die Europäer wachgerüttelt hat. Selbst Bundeskanzler Scholz scheint plötzlich aufgewacht zu sein. Jetzt treffen sich die Europäer wieder, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln und an die eigene Sicherheit zu denken. Europa muss mehr Stärke zeigen, mit oder ohne die USA.

DOMRADIO.DE: War Westeuropa zu naiv in Bezug auf Russland?

Savka: Ich glaube nicht, dass die Europäer naiv waren. Ich glaube, sie haben ihn aus Angst ihn zu provozieren und vor seiner Unberechenbarkeit so lange gewähren lassen. Das hat auch eine globale Dimension. Wenn der Westen Putin weiter gewähren lässt, ist das für andere Autokraten – zum Beispiel China - ein Signal, dass sie sich auch über das Völkerrecht hinwegsetzen dürfen.

DOMRADIO.DE: Gibt es mittlerweile angesichts dieses Abnutzungskrieges und der vielen Opfer Stimmen in Ihrem Land, die territoriale Zugeständnisse für denkbar halten, damit der Krieg endlich ein Ende hat? Oder ist das absolut unverhandelbar?

Savka: Bis vor ungefähr einem Jahr war das unverhandelbar, aber die Stimmung in Bezug auf Zugeständnisse ändert sich. Wir Ukrainer sind seit 300 Jahren im Konflikt mit den imperialistischen Bestrebungen Russlands und wir sind überzeugt, dass Putin wieder angreifen würde. Wenn wir auf Land verzichten sollen, brauchen wir internationale Sicherheitsgarantien. Zum Beispiel, dass die Ukraine im Falle eines erneuten russischen Angriffs automatisch NATO-Mitglied wird. Aber nach wie vor ist eine Mehrheit der Ukrainer davon überzeugt, dass wir irgendwann wieder den Donbass besitzen und auf die Krim fahren dürfen.

DOMRADIO.DE: Es ist der dritte Kriegswinter in der Ukraine. Kolping hat sein Büro in Czernowitz im Westen des Landes. Wieviel bekommen Sie da von den Kriegshandlungen in Ihrem Alltag mit?

Vasyl Savka

"Es ist sehr ambivalent: Für einige hier ist der Krieg sehr weit weg, für andere ist er sehr präsent."

Savka: Wir leben hier in relativer Sicherheit. Es gibt hier keine direkten Angriffe, aber die Auswirkungen des Krieges bekommen wir zu spüren. Zum Beispiel die Stromausfälle, weil die Russen mehr als 50 Prozent der ukrainischen Energieversorgung zerstört haben. Damit sind auch Wasserleitungen und Heizungen verbunden. Zudem kommen immer noch viele Binnenflüchtlinge zu uns, sie brauchen Unterstützung. Natürlich hat die Situation auch Folgen für die Psyche der Menschen. Fast jeder kennt Männer, die an der Front gekämpft haben oder getötet wurden. Von daher haben wir in Czernowitz keinen Alltag wie vor dem Krieg. Auf der anderen Seite gehen die Menschen hier auch aus. Sie besuchen noch Restaurants, gehen spazieren oder feiern Partys. Es ist sehr ambivalent. Für einige hier ist der Krieg sehr weit weg, für andere ist er sehr präsent.

DOMRADIO.DE: Es gibt schwere Angriffe im Süden und Eroberungen im Osten der Ukraine. Menschen werden von der Wärmeversorgung abgeschnitten. Wie hilft das Kolpingwerk den Menschen in Ihrem Land, die schwerer betroffen sind vom Krieg? 

Savka: Wir verteilen die Hilfsgüter, die wir von unseren Partnern aus dem Ausland bekommen auf das ganze Land. Wir verteilen Notstromaggregate, Medikamente, Lebensmittelpakete, warme Kleidung und Spielzeug für Kinder. Für die Geflüchteten, die hier zu uns kommen, betreiben wir schon seit mehr als 1000 Tagen eine Sozialküche, die täglich 550 Menschen mit warmem Essen versorgt.

DOMRADIO.DE: Am kommenden Wochenende wird in Deutschland eine neue Bundesregierung gewählt. Wie auch immer die Ergebnisse aussehen: Was ist Ihr Appell an den künftigen Bundeskanzler und seinen Außenminister?

Savka: Ich wünsche mir, dass sie endlich wach werden und verstehen, dass Russland nicht an der ukrainischen Grenze stoppen wird. Putin wird weitermachen, entweder in der direkten Konfrontation oder indirekt, sei es durch Sabotageakte oder Aktionen der Geheimdienste. Russlands Vision ist die eines Imperiums, das immer mehr Länder erobert. Um das zu verhindern, muss der Westen in einem festen Bündnis zueinanderstehen. Das muss der künftigen Bundesregierung klar sein.

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

500 Sakralbauten in der Ukraine infolge der russischen Invasion zerstört

Mindestens 494 Sakralbauten in der Ukraine sind infolge der russischen Invasion in der Ukraine zerstört, beschädigt oder geplündert worden, und die Beschlagnahmung von kirchlichen Gebäuden als Standorte für russische Militärbasen vergrößert nach Berichten des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit das Ausmaß der Zerstörung zusätzlich.

Ikone der Muttergottes aus der Region Odessa (Ukraine) im Fuldaer Dom am 26. September 2022 in Fulda. Neben der Ikone hängt eine Fahne der Ukraine und eine Kerze brennt. Eine Flüchtlingsfamilie aus der Ukraine hatte die Ikone mitgebracht / © Harald Oppitz (KNA)
Ikone der Muttergottes aus der Region Odessa (Ukraine) im Fuldaer Dom am 26. September 2022 in Fulda. Neben der Ikone hängt eine Fahne der Ukraine und eine Kerze brennt. Eine Flüchtlingsfamilie aus der Ukraine hatte die Ikone mitgebracht / © Harald Oppitz ( (Link ist extern)KNA )
Quelle:
DR

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