Sri Lanka ist ein Urlaubsparadies: Dschungel mit Nashornvögeln und Leoparden, Palmen-Sandstrände und Ayurveda-Wellness. 2024 kamen zwei Millionen Urlauber auf die Tropeninsel.
Die Fastenaktion des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor richtet jetzt den Blick auf die international kaum wahrgenommene Ausbeutung der Teepflückerinnen und -pflücker im Hochland Sri Lankas. Die bis in die britische Kolonialzeit zurückreichende systematische Entrechtung und Unterdrückung auf den Teeplantagen dauert bis heute an.
Leid nicht still hinnehmen
"Die Ausbeutung steht beispielhaft für viele andere Weltregionen. Das dürfen wir nicht einfach hinnehmen", fordert Misereor-Bischof Stephan Burger: "Das Leid und die Ausbeutung der Hochlandtamilen in Sri Lanka können nicht still und ungesehen immer weitergehen."
Gemeinsam mit Misereor-Chef Andreas Frick hat er vor Beginn der Fastenaktion 2025 mehrere auch mit deutschen Spenden finanzierte Entwicklungsprojekte auf den Teeplantagen besucht.

Caritas-Mitarbeiterinnen aus Sri Lanka werden in den kommenden Wochen in ganz Deutschland unterwegs sein, um vom Schicksal der rund eine Million marginalisierten Tamilen zu berichten.
Nirmala lebt am Rand des Barackendorfs auf der Teeplantage Mount Vernon. Sie trägt einen einfachen rot-violett-weißen Sari, einen schlichten Armreif und wirkt älter als ihre 49 Jahre. Gastfreundlich lädt sie die Besucher in ihre winzige Hütte ein. Die oft fensterlosen Reihen-Baracken ("Lineroom-Houses") gehen noch auf die Zeit der britischen Kolonialherrschaft zurück.
Kolonialmacht England begründete Teeanbau
Die Briten brachten den Teeanbau in den 1870er Jahren nach Sri Lanka - genauer: ins damals und bis 1948 von ihnen beherrschte Ceylon.
Ceylon-Tee gilt bis heute als hochgeschätzte Qualitätsmarke - auch in Deutschland. Als Arbeitssklaven verschleppten die britischen Kolonialherren Hunderttausende Tamilen aus Südindien. Zehntausende überlebten schon den Marsch von der Küste ins Hochland nicht. Die Plantagen wurden mit tamilischen Blut errichtet.

Nirmala zeigt ihr Zuhause: zwei kahle, dunkle Räume. Ein Holzherd, ein Bett, zwei Kühlschränke. Die Familie hat einen kleinen Anbau begonnen, doch jetzt fehlt das Geld. "Wir brauchen pro Monat eigentlich 35.000 Rupien (umgerechnet 115 Euro) zum Überleben, wir haben durch die Arbeit meines Mannes aber nur 20.000 Rupien."
Tageslohn 2,50 Euro
Bis vor vier Jahren hat sie selbst in der Teefabrik für einen Tageslohn von 2,50 Euro gearbeitet. Dann kam sie mit ihrer Hand in das Antriebsband einer großen Maschine, die die frisch geernteten Teeblätter kleinhäckselt.
"Seitdem kann ich nicht mehr arbeiten. Die Schmerzen ziehen durch den ganzen Arm und sogar in den Kopf. Manchmal werde ich ohnmächtig vor Schmerzen." Die Verletzung wurde nicht gut versorgt. Eine Krankenversicherung hat keiner der Arbeiter. Wenn Nirmala Glück hat, kann sie sich einige Schmerztabletten leisten.
Ihr Ehemann Anandamurthi (54) arbeitet weiterhin auf den im Hochland oft sehr steilen und unwegsamen Plantagen. Ohne Schutzkleidung, barfuß und häufig in sengender Hitze. Während der Regenzeit saugen sich Blutegel an den Armen und Beinen der Plantagenarbeiter fest.
"Das merkst du nicht - manchmal kriechen sie bis ins Ohr hinein", berichtet eine Pflückerin.
Heute hat Anandamurthi 30 kg Tee gesammelt. Das sind etwa drei, mit jungen Teeblättern gefüllte große Säcke, die er an einem Stirnriemen befestigt auf dem Rücken trägt. "Bezahlt bekomme ich aber nur 20 kg.
Das ist immer so. Wenn wir die zusätzlichen Kilogramm bezahlt haben wollen, gibt es Ärger. Darum fragen wir nicht mehr", berichtet er.
Die Plantagenarbeiter sind von ihren Arbeitgebern völlig abhängig.
Fast niemand der Hochlandtamilen hat überhaupt eine eigene Postadresse - alles läuft über das Management der Tea-Estates, über die privatwirtschaftlichen Plantagen- und Teekonzerne, die sich den milliardenschweren Teemarkt in Sri Lanka aufgeteilt haben.
Leibeigenschaft und moderne Sklaverei
Der sri-lankische Menschenrechtler Ruki Fernando beschreibt die Situation der Hochlandtamilen als Leibeigenschaft und moderne Sklaverei. Denn auch das Land und die Hütten der Teeplantagenarbeiter bleiben (fast) immer im Eigentum der Tee-Estates.
Gewisse Hoffnung setzen die Hochlandtamilen jetzt auf die Ende 2024 neu ins Amt gekommene Regierung, die versprochen hat, gegen Entrechtung und Korruption zu kämpfen.

Shiron, der Leiter der Teeplantage gibt sich im Gespräch mit Journalisten entgegenkommend. Er sichert zu, das Wohl der Arbeiter im Blick zu haben. Wirklich konkret wird er nicht. Berichtet stattdessen davon, dass er selbst unter großem Druck der Unternehmensleitung stehe, die Produktionskosten gering und die Tee-Erträge hochzuhalten.
Gleichzeitig habe sein Unternehmen der Caritas Sri Lanka erlaubt, auf "seiner Plantage" Projektarbeit zu starten, sagt der Manager.
Viele ohne gültige Papiere
Caritas-Projektmitarbeiter Nicholas erläutert, dass es inzwischen in mehreren Plantagen-Siedlungen Projekte gibt. "Wir versuchen, die Tamilen zu stärken und sie bei der Wahrnehmung ihrer Rechte zu unterstützen", sagt er. Dazu zählt, überhaupt erst einmal eine Registrierung als Staatsbürger zu erreichen. Viele der älteren Arbeiter haben keine offiziellen Dokumente.
In Workshops vermitteln die Caritas-Expertinnen auch Infos zu Landwirtschaft und Handwerksfähigkeiten wie Teppichknüpfen oder Seifenherstellung. "Das kann dann ein kleines Zusatzeinkommen und ein Schritt zu mehr Selbstbewusstsein bedeuten", sagt Nicholas.