Missio Aachen-Präsident beklagt katastrophale Zustände in Myanmar

"Jetzt kommt das Erdbeben noch dazu"

Die Lage in Myanmar ist nach dem Erdbeben weiter dramatisch. Viele stehen plötzlich vor dem Nichts in einem Land, das ohnehin seit Jahren unter Gewalt und Armut leidet. Das Unglück treffe Myanmar besonders hart, so Dirk Bingener.

Erdbeben in Myanmar / © Thein Zaw (dpa)

DOMRADIO.DE: Sie haben Kontakt mit Pater Augustine vor Ort aus dem Erzbistum Mandalay. Was berichtet er Ihnen? 

Dirk Bingener (Präsident von Missio Aachen): Die Situation in Mandalay, eine Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern, die nur 40 Kilometer vom Epizentrum entfernt gelegen hat, ist teilweise zerstört. Die Gebäude sind zum Teil kollabiert und wichtige Einrichtungen, auch die der katholischen Kirche sind davon betroffen. Auch wenn sie nicht vollkommen zerstörten, so kann man sie zumindest nicht mehr betreten, weil man nicht weiß, wie sicher die Gebäudes sind. In Myanmar ist es derzeit sehr heiß, es sind jetzt noch am Abend 31 Grad, am Tag 40 Grad. Sie können sich vorstellen, was es heißt, wenn es keinen Strom gibt und die Wasserversorgung unterbrochen ist: Die Menschen leiden sehr. 

Dirk Bingener / © Julia Steinbrecht (KNA)

DOMRADIO.DE: Wie geht es den Mitarbeitenden der Erzdiözese dort? Haben Sie da Kontakt? 

Bingener: Wir haben Kontakt in die Erzdiözese selbst. Gott sei Dank haben wir noch keine Meldung, dass eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter unter den Toten oder schwerst verletzt sind. Derzeit ist es so, dass man zwar die Gebäude nicht benutzen kann, aber die Leute auf der Straße das Nötige tun in den Pfarreien und in den Hospitälern. Man schläft draußen, weil man Angst vor Nachbeben hat und versucht sich jetzt erst einmal zu sortieren.

Dirk Bingener

"Sie können, wenn Sie die Bilder anschauen, manchmal in den Himmel schauen oder in den nächsten Raum. So stark sind die Gebäude beschädigt".

 

DOMRADIO.DE: Welche Einrichtungen der Erzdiözese-Mandalay sind denn massiv betroffen? 

Bingener: Zum Beispiel ist es das St. Franziskus-Hospital des Erzbistums. Es ist ein sechsstöckiges Priester- und Pastoralzentrum, von wo aus man normalerweise die Dinge im Erzbistum organisiert. Es sind Schulen betroffen, es sind Kirchen betroffen. Die Kathedrale ist beschädigt, das Bischofshaus. Sie können, wenn Sie die Bilder anschauen, manchmal in den Himmel schauen oder in den nächsten Raum. So stark sind die Gebäude beschädigt. Manche sind nicht kollabiert, aber die Frage ist immer, ob man die Gebäude noch betreten kann, ob sie sicher sind.

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Kirche im Einsatz nach schwerem Erdbeben in Asien

DOMRADIO.DE: In Myanmar herrscht der Bürgerkrieg. Staatliche Strukturen, die aktuell für eine schnelle Notfallversorgung nötig wären, existieren dort gar nicht. Welche Rolle kann speziell eine Hilfsorganisation wie Missio spielen? 

Bingener: Die Militärjunta kann sich in Mandalay halten. Aber etwas weiter auswärts sind die Widerstandskämpfer schon. Die Stadt selbst ist isoliert und man muss davon ausgehen, dass im Grunde genommen die Militärjunta jetzt nur ihre Leute versorgt und die besonders die ländliche Bevölkerung bombardiert. Das ist vollkommen zynisch, dass auf der einen Seite die Militärjunta nach Hilfe vom Ausland fragt, diese aber nur ihren Leuten zukommen lässt und auf der anderen Seite die Menschen nach dem Erdbeben auch noch bombardiert. Das ist alles unvorstellbar. Die Kirche kann insofern eine Rolle spielen, weil die Kirche natürlich ein Netzwerk hat, weil es viele Ordensleute gibt, viele Priester und Schwestern, die eben bei den Leuten sind und jetzt auch uns melden können, was denn benötigt wird. Wir werden jetzt in den Kirchenstrukturen Wege finden, um auch die Hilfe zu den Menschen zu bekommen.

Dirk Bingener

"Das sind alles Dinge, die auf ein sowieso erschöpftes Volk und auf ein erschöpftes Gesundheitssystem gestoßen sind".

 

DOMRADIO.DE: Was wird benötigt? 

Bingener: Zunächst einmal Nahrung, Wasser, die Unterkunft und medizinische Versorgung. Sie müssen sich vorstellen, die medizinische Versorgungen oder die Versorgungsmittel mit Nahrungsmitteln war sowieso schon schwierig, weil es natürlich unglaublich viele Geflüchtete gibt. Die Regierung erkennt nicht an, dass es Geflüchtete gibt, weil man eben den Krieg herunterspielt. Das sind alles Dinge, die auf ein sowieso erschöpftes Volk und auf ein erschöpftes Gesundheitssystem gestoßen sind. Die Situation war sowieso unglaublich schwierig. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass alles noch schlimmer kommt, zumal auch Brücken kaputt sind. Die normalen Nachschubwege funktionieren so nicht mehr und man hat zu vielen Gebieten auch keinen Zugang.

Dirk Bingener

"Myanmar hat Covid erlebt, wie wir alle. Es hat den Putsch erlebt. Es hat im letzten Jahr eine Hochwasserkatastrophe erlebt und jetzt kommt das Erdbeben noch dazu".

 

DOMRADIO.DE: Kann Kirche gerade jetzt auch ein Ort des Trostes, der Stärke und auch der Hoffnung sein? 

Bingener: Das ist Kirche schon die ganze Zeit. Myanmar hat Covid erlebt wie wir alle. Es hat den Putsch erlebt. Es hat im letzten Jahr eine Hochwasserkatastrophe erlebt und jetzt kommt das Erdbeben noch dazu. Für die Menschen ist die Kirche ein Hoffnungsanker und auch ihr Glaube in besonderer Weise. Für die Leute bedeutet es, dass sie nicht vergessen sind, weil das Land von der Militärjunta an sich schon isoliert wird. Deswegen ist es wichtig, immer wieder diese Isolation zu durchbrechen durch unser Interesse, durch Medienberichte und natürlich auch durch das Gebet miteinander.

Dirk Bingener

"Was mich ermutigt: Unsere Partner bleiben vor Ort".

 

DOMRADIO.DE: Ich war erschüttert, wie das Thema Erdbeben in Myanmar schon wieder aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Erschüttert Sie das auch? 

Bingener: Mich erschüttert das nicht. Das sind die Gesetze der Medien, denke ich. Was mich ermutigt: Unsere Partner bleiben vor Ort. Dass die ganzen Dinge zwar in den Medien verschwinden, aber unsere Leute, besonders die Ordensleute und die Schwestern und Priester und alle Laiinnen und Laien dort als Christen vor Ort bleiben. Das ist das, was mich nochmal mehr tröstet und bestärkt. 

DOMRADIO.DE: Was können wir in Deutschland tun? 

Bingener: Denken Sie an die Leute in Myanmar und wer beten kann, der möge auch ein Gebet sprechen. Das finde ich sehr wichtig. Sie können auch verschiedene Hilfsorganisationen, unter anderem auch (Link ist extern)Missio unterstützen durch eine Spende.

Dieses Interview führte Johannes Schröer.

Missio in Myanmar

Unter den rund 56,1 Millionen Einwohnern leben rund 600.000 Christen. Besonders im Norden und Nordosten des Landes lebt zudem die überwiegend christlich geprägte ethnische Minderheit der Kachin. Deshalb unterstützen wir die Kirche in Myanmar auch im Einsatz für mehr Menschenrechte und Religionsfreiheit.

Hilfsoprojekte in Myanmar

2019 förderte missio 19 Hilfsprojekte seiner Partnerinnen und Partner in Myanmar mit über einer Million Euro.

Quelle:
DR

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