DOMRADIO.DE: Sie erzählen uns heute die Geschichte von einer "Beinahe-Skandal-Wahl" mit tödlichem Ausgang Mitte des 19. Jahrhunderts. Da zeigte ein Papst im alten Kirchenstaat demokratische Anwandlungen.

Ulrich Nersinger (Vatikanexperte und Autor): Das war die Wahl von Papst Pius IX., der 1846 gewählt wurde, nachdem es im Kirchenstaat sehr rigide zuging. Man hatte den Kardinal Mastai Ferretti gewählt und seine ganze Familie galt als sehr liberal. Es gab in Rom ein geflügeltes Wort: Im Hause Mastai sind sogar die Katzen liberal.
Die Wahl dieses Papstes war an sich schon ein kleiner Skandal, weil es die europäischen Monarchien etwas in Schrecken versetzte. Gerade Fürst Metternich war entsetzt.
Der Papst hatte sehr liberale Gedanken und war sehr fortschrittlich. Was die weltliche Herrschaft über den Kirchenstaat anging, hatte er in Demokratie gehende "Anwandlungen".
DOMRADIO.DE: Was für eine Demokratie hatte Pius IX. im Sinn?
Nersinger: Er merkte, dass er im sich einenden Italien auf Begeisterung stieß. Als er das erste Mal den Quirinalspalast verließ, erschrak er: Als die Kutsche das Tor verließ, sah er, wie junge Männer herbeiströmten und die Pferde ausspannten. Zunächst war man erschrocken, aber dann sah man, dass junge Burschen den Papst mit ihrer Muskelkraft durch die Stadt Rom zogen. Das zeigt, dass das Volk durchaus einen Wunsch hatte.

Der Papst hat dann verschiedene Maßnahmen ergriffen, er hat zum Beispiel zwei Kammern errichtet. Die eine Kammer ernannte er selbst, die zweite Kammer ließ er wählen und entschied sich für einen Ministerpräsidenten an der Spitze der Regierung.
Das war für die damalige Zeit etwas ganz Besonderes im Kirchenstaat. Er hat eine ganze Reihe von Reformen sowohl im kommunalen Bereich als auch im politischen Bereich durchgesetzt. Bis es dann zu sehr großen Schwierigkeiten kam.
DOMRADIO.DE: Es gab eine dramatische Entwicklung, was passierte?
Nersinger: Der Papst sah sich immer größeren Forderungen gegenüber. Viele Kräfte im Kirchenstaat in Italien verlangten mehr. Sie wollten neue Reformen, die weit hinausgingen über das, was Pius IX. vorhatte. Die Idee der Revolutionäre war, dass der Papst sich an die Spitze derjenigen setzen sollte, die Fremdherrschaft in Italien beenden wollten. Sie wollten den Papst zum Krieg gegen Österreich überreden.
Da hat der Papst gesagt, das könne er als katholischer Monarch nicht. Dann kam es 1848 zur Revolution im Kirchenstaat. Die war so heftig, dass sein Regierungspalast belagert wurde und drohte, gestürmt zu werden. Im letzten Augenblick gelang es dem Papst, aus dem Palast zu fliehen nach Gaeta, ins Neapolitanische.
DOMRADIO.DE: War der Papst in Lebensgefahr in diesem Moment?

Nersinger: Vorher hatte er gesehen, dass sein Ministerpräsident Pellegrino Rossi ermordet worden war, als er ein Regierungsgebäude in Rom betreten wollte. Er musste fliehen und der bayerische Gesandte hat ihn dann mit einigen Tricks ins Neapolitanische gebracht hat, das war wirklich eine abenteuerliche Flucht.
DOMRADIO.DE: Wie viel Demokratie steckt heute im Vatikan oder könnte in Zukunft im Vatikan stecken?
Nersinger: Was den Vatikanstaat betrifft, gibt es einige Möglichkeiten. Wir haben gesehen, dass der Papst jetzt eine Frau als Regierungschefin ernannt hat. Was die gesamte Verfassung angeht, bleibt jedoch alles bei der monarchischen Verfassung. Das geht nicht anders, auch vom Selbstverständnis der Kirche und des Papsttums her. Aber es ist durchaus möglich, noch einiges durchzusetzen. Man kann einige Lichtblicke sehen.
Aber den Vatikanstaat kann man schlecht mit dem alten Kirchenstaat vergleichen, weil der Vatikanstaat heute die Funktion hat, die Unabhängigkeit des Heiligen Stuhls, also des Papsttums, zu sichern. Er ist im strengen Sinne keine Nation. Er ist eigentlich ein Hilfsmittel, um die Unabhängigkeit des Heiligen Stuhls zu wahren.
Das Interview führte Carsten Döpp.