Vom syrischen Mathelehrer zum Erzieher in katholischer Kita

"Die Kinder geben mir Hoffnung"

Rami Lazkani betreut in einer katholischen Kita täglich Kinder. Viele sind aus Familien mit Migrationshintergrund oder haben Fluchterfahrung – so wie er selbst. Über einen Mann mit einem ungewöhnlichen Weg, der Nachahmer findet.

 © Nicola Trenz (DR)
© Nicola Trenz ( DR )

Mittwochmorgen in der grünen Gruppe. An den Wänden hängen gebastelte Ostereier, Schäfchen aus Watte stehen auf einem Regal. Die Jungen und Mädchen ziehen sich ihre Jacken und Schuhe an. Bei manchen sieht das noch umständlich aus, ein Junge trägt seine Schuhe falsch herum. Erzieher Rami Lazkani deutet auf seine Füße und sagt: "Du hast Entenfüße". Lazkani bückt sich und tauscht die Schuhe. "Ich mag die Arbeit hier sehr, auch wenn sie manchmal für ein paar Minuten anstrengend ist. Ich habe selbst keine Kinder. Die Kinder geben mir Hoffnung auf eine bessere Zukunft", sagt der Mann, der Jeans und eine grüne Kapuzenjacke trägt.

Rami Lazkani kommt aus Syrien. Inmitten der "Flüchtlingskrise" floh er nach Deutschland. Ein Jahr lang lernte er Deutsch, danach arbeitete er als Briefträger. Deutsche Freunde erzählten ihm, dass Kindergärtnerinnen und Kindergärtner dringend gebraucht werden. Lazkani bewarb sich in einer Kita und begann dort 2019 als sogenannter Alltagshelfer. Spielen und Toben mit den Kindern, keine Verantwortung. Ein Jahr später machte er eine Weiterbildung. Inzwischen ist der 47-Jährige Erzieher in Vollzeit und ist mit seinen zwei Kolleginnen verantwortlich für die 19 Mädchen und Jungen der grünen Gruppe des Montessori Kinderhauses St. Theresia in Düsseldorf.

Kinderhaus St. Theresia in Düsseldorf / © Nicola Trenz (DR)
Kinderhaus St. Theresia in Düsseldorf / © Nicola Trenz ( DR )

Untypischer Kita-Mitarbeiter

Während die meisten Kinder draußen toben, schiebt Lazkanis Kollegin einen Jungen wieder in den Gruppenraum. Er ist barfuß, seine Schuhe hat er eine Treppe runtergeworfen. Die Erzieherin wirft Lazkani einen Blick zu, stöhnt kurz, dann lachen beide. "Ich habe Glück, dass ich zwei nette Kolleginnen habe. Wir haben eine gute Atmosphäre, manchmal machen wir Witze, manchmal streiten wir auch. Und jeden Tag lerne ich von meinen Kolleginnen." Lazkani nimmt den Jungen entgegen, während die Kollegin die Schuhe zurückholt. "Er ist Autist", sagt Lazkani und gibt ihm eine Schale mit Knöpfen zum Spielen. Förderung bekomme der Junge gerade zu wenig.

Rami Lazkani ist nicht der typische Mitarbeiter im Kindergarten: Männlich, geflüchtet und in seiner Heimat war er Mathelehrer. Seine pädagogische Ausbildung aus Syrien ist in Deutschland anerkannt worden, nur eine kürzere Weiterbildung war zum Erzieher noch nötig. Als Lehrer möchte er in Deutschland nicht mehr arbeiten. Er will seine Erinnerungen an Syrien hinter sich lassen.

Angekommen in Düsseldorf

"Es wäre schön gewesen, wenn ich hier in Deutschland geboren wäre", sagt Lazkani, auch wenn nicht seit jeher Deutschland sein Ziel war. Die Politik in Syrien brachte ihn zur Flucht. "Die Demokratie finde ich die wichtigste Sache für ein gutes Leben; das ist wie Wasser, wie Luft". Lazkani fühlt sich wohl in Düsseldorf. "Ich fühle mich nicht als Flüchtling", sagt der dunkelhaarige Mann, der in einer Theatergruppe spielt und inzwischen gute Freunde in der Landeshauptstadt hat. Auch für Kollegen, Kita-Kinder und Eltern ist er einfach "Herr Lazkani". Was man braucht, um in einem fremden Land anzukommen? "Den Willen", sagt Rami Lazkani. Und, ergänzt er, es helfe der Integration, wenn man sein Heimatland nicht mag und sich nicht als Ausländer fühlt.

Ostern, St. Martin, Nikolaus, Erntedank: In der Kita St. Theresia werden alle christlichen Feste mit ihren deutschen Bräuchen gefeiert, Feste anderer Religionen oder andere Traditionen spielen keine Rolle. Das stört Lazkani nicht, der selbst orthodoxer Christ ist. Schließlich gingen die Kinder in einen christlichen Kindergarten. Fehlt den Kindern aus ausländischen Familien dann die Wertschätzung ihrer Kulturen? Lazkani verneint. "Die Kinder sind neugierig. Ihre Kultur können sie zuhause lernen. Hier lernen sie etwas anderes, das ist eine gute Möglichkeit. So lernen die Kinder zwei verschiedene Kulturen, wie sie auch zwei verschiedene Sprachen lernen."

Elternarbeit auf Arabisch

Mit den Kita-Kindern spricht Rami Lazkani nie Arabisch. Bei Elterngesprächen übersetzt er aber manchmal für Kolleginnen. Außerdem hat er das Gefühl, dass ihm manche Eltern mit Migrationshintergrund mehr anvertrauen als den anderen Erzieherinnen. "Vielleicht, weil die Eltern nicht gut Deutsch sprechen? Ich weiß es nicht", sagt Lazkani. Er hat einen guten Kontakt zu allen Eltern, negative Reaktionen habe er nie erfahren. "Ich bin einfach ein offener Mensch, denke ich".

Rami Lazkani

"Das mag ich an Kindern, sie können nicht lügen."

Aus dem Badezimmer der grünen Gruppe ist eine Klospülung zu hören. Ein Junge kommt zurück in den Gruppenraum. "Hast du die Hände gewaschen?", fragt Lazkani. Der Junge schüttelt den Kopf und geht zurück ins Bad. Lazkani schmunzelt. "Das mag ich an Kindern, sie können nicht lügen."

Fachkräftemangel in der Kita

Für die Kita-Leitung ist Rami Lazkani eine Bereicherung, nicht nur, weil auch in diesem Düsseldorfer Kindergarten Fachkräftemangel täglich zu spüren ist. Rami Lazkani als nichtdeutscher Erzieher sei ein großer Gewinn, gerade weil in der Kita viele Familien mit Fluchterfahrung und Migrationshintergrund sind, sagt die Leiterin des Kinderhauses, Ulrike Rudolph. Die stellvertretende Kita-Leiterin Michaela Martin betont Lazkanis Vorbildwirkung: "Wir haben viele Anfragen von Vätern bekommen, die hier mal helfen wollen – darunter sind auch einige Väter, die selbst geflüchtet sind." Beim Ausflug mitkommen, mal kurz die Spülmaschine ausräumen, Lazkani zeigt, dass auch ein Mann im Kindergarten helfen und arbeiten kann.

Lazkani ist der einzige männliche Erzieher im Kinderhaus und hat 16 Kolleginnen. Das Team profitiere davon, auch eine männliche Perspektive zu haben, sagt Martin. Und für einige Kinder sei er die einzige männliche Bezugsperson. "Manche Kinder nennen mich Papa", sagt Lazkani. Es würde sich ein paar mehr Kollegen in den Kitas wünschen. Michaela Martin beobachtet, dass Praktikanten in ihrer Kita wirklich Interesse an dem Beruf des Erziehers bekämen. "Weil wir zeigen können, dass man diese Ausbildung auch als Mann machen kann, dass man dann genauso anerkannt ist", sagt die stellvertretende Leiterin.

Vorbild Lazkani

Lazkanis Weg sprengt Schubladendenken an vielen Stellen. Er ermutigt andere, auch ihren Weg zu gehen unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder bisherigem Weg. Mit ein wenig Stolz in der Stimme erzählt Lazkani von der syrischen Mutter eines Kita-Kindes, die bisher keine pädagogische Ausbildung hatte. "Sie will eine Ausbildung als Erzieherin machen. Jetzt ist sie gerade als Praktikantin in der orangenen Gruppe".

Aktion Neue Nachbarn

Im November 2014 hat Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki die „Aktion Neue Nachbarn“ ins Leben gerufen. Denn aus allen Teilen der Welt – dem Nahen Osten, Osteuropa und Afrika – flüchten Menschen nach Deutschland, um Krieg, Katastrophen, Verfolgung und bitterer Armut in ihren Herkunftsländern zu entgehen. Schreckliche Erlebnisse und Schicksale pflastern diesen Weg. Ihre Flucht war und ist gefährlich und endete bereits für viele tödlich. Unzählige Familien wurden und werden zudem auseinandergerissen. Bis heute ruft der Kölner Erzbischof immer wieder dazu auf, diesen Menschen zu helfen.

Neue Nachbarn im Erzbistum Köln / © Barbara Bechtloff (Caritas Köln)
Neue Nachbarn im Erzbistum Köln / © Barbara Bechtloff ( Caritas Köln )
Autor/in:
Nicola Trenz
Quelle:
DR