DOMRADIO.DE: Die Lage im Heiligen Land ist nach wie vor brenzlig. Wie geht es Ihnen jetzt, so kurz vor Ihrem letzten Arbeitstag am 31. März in Tabgha?

Georg Röwekamp (Bisheriger Leiter des Pilgerhauses Tabgha des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande): Das hat sich nicht sehr verändert, denn die Situation hier im Land ist weiterhin sehr instabil und überhaupt sind es gemischte Gefühle. Ich blicke dankbar zurück auf neun Jahre hier im Land. Gleichzeitig fällt der Abschied schwer, denn wenn man die Möglichkeit hat, am See Genezareth zu leben, gibt man das nicht so leicht auf wie vielleicht irgendeine andere Wohnung.
DOMRADIO.DE: Ein langer Abschnitt im Heiligen Land endet. Es gab viele Begegnungen mit Menschen, viele Gespräche. Was waren die schönsten Momente für Sie?
Röwekamp: Einerseits war schön, dass ich hier ein tolles Team hatte und dass es uns gelungen ist, auch in diesen schwierigen Zeiten weiter mit Juden, Muslimen, Christen und Drusen zusammenzuarbeiten. Allein das ist schon ein großartiges Erlebnis. Diese Menschen kennenlernen zu dürfen, mit ihnen arbeiten zu dürfen, war etwas Wunderbares.
Daneben gab es immer wieder die Erlebnisse, die wir mit Gruppen gehabt haben. Reisegruppen kommen hierhin, verbringen ein, zwei Tage hier am See und sind dann am Ende so erfüllt, bedanken sich überschwänglich bei uns, dass ich nur staunen kann. Aber Tabgha ist schließlich der Ort der wunderbaren Brotvermehrung, irgendwie scheint das in der DNA des Ortes zu sein. Hier wird aus wenig viel. Es gibt nichts Schöneres, als miterleben zu können, dass Leute bereichert von hier weggehen.
DOMRADIO.DE: Gerade die letzten Jahre waren schwierig für Sie und das Pilgerhaus. Corona und der Krieg sorgten dafür, dass der Pilger-Tourismus fast völlig einbrach. Auch israelische Gäste kamen kaum noch. Wie haben Sie sich während dieser Zeit gefühlt?
Röwekamp: Es gab einige Momente, die nicht sehr gemütlich waren. Auf der anderen Seite ist das alles kein Vergleich zu denjenigen, die im Norden direkt an der Grenze gewohnt haben, die direkten Beschuss gehabt haben oder auch in anderen Teilen des Landes leben.
Von den viereinhalb Jahren, die ich hier direkt in Tabgha war, waren im Grunde anderthalb Jahre Normalbetrieb. Die restliche Zeit war Notfallmanagement, Krisenmanagement.
Eines der wenigen positiven Ergebnisse dieser Zeit ist doch, dass dieses Haus, das lange Zeit vor allen Dingen von Pilgerinnen und Pilgern besucht worden ist, sich noch mehr für die Einheimischen geöffnet hat, weil der Platz da war.

Das Ganze hier in Tabgha sollte mal vor 120 Jahren eine Kolonie von deutschen Bauern werden. Zum Glück sind wir eben keine deutsche Kolonie mehr hier, sondern wir sind eine "Insel". Eine Insel darf auch anders sein als die Umgebung.
Und sie ist offen zu allen Seiten. So haben wir inzwischen israelische Gäste, wir haben arabisch-christliche Pfadfinder hier gehabt, die ihre Jahrestagung gemacht haben. Wir hatten eine messianische Gemeinde, deren Kirche in Kirjatschmona zerbombt war, die regelmäßig hierhin zum Beten kamen. Also diese Idee, das Pilgerhaus als einen Ort der Begegnung zu verstehen, ist verrückterweise gerade in diesen Zeiten noch lebendiger geworden als vorher.
DOMRADIO.DE: Sharbel Yacoub wird am 1. April Ihr Nachfolger, er leitet dann das Pilgerhaus. Er kennt sich gut aus, gehört seit den letzten 14 Jahren schon zum Team. Was wünschen Sie ihm?
Röwekamp: Dass er genauso großartige, gute Erfahrungen macht wie ich. Dass die schwierigen Zeiten, die es in diesem Land natürlich immer wieder gegeben hat, endlich einmal zu Ende gehen und er wirklich friedliche Zeiten hier im Haus mit vielen wunderbaren Gästen erleben darf. Denn es gibt im Land kaum einen schöneren Ort als diesen. Und dass ich das in so vertraute, gute Hände legen kann, gibt mir bei allem Abschiedsschmerz ein gutes Gefühl.
Das Interview führte Carsten Döpp.